Die neue Carmen bewegt sich noch feiner

LINDAU – Knapp vier Jahre schon gilt „Carmen“ als besonderes Vorzeigestück der Lindauer Marionettenoper. Deren Initiatoren Bernhard Leismüller und Ralf Hechelmann haben sich natürlich weiterhin Gedanken über den Klassiker gemacht und sind jetzt mit einer Neuinszenierung an die Öffentlichkeit getreten.

Auch wenn aus der „Lindauer Marionettenoper“ zwischenzeitlich nicht nur eine Institution, sondern auch eine Erfolgsgeschichte geworden ist, ist von Routine nichts zu spüren. Die Kombination aus Ehrgeiz, Anspruch und Herzblut haben erneut zu einer Inszenierung geführt, die das Prädikat „höchst sehenswert“ verdient. Die Rede ist von Bizets „Carmen“, die schon bei ihrer Premiere vor vier Jahren begeisterten Zuspruch erfuhr.

Gewiss gilt für alle Marionettenspieler, dass sie den schärfsten Kampf gegen ihr eigentliches Spielmaterial führen müssen: Holzfiguren nicht „hölzern“ wirken zu lassen. Vor diesem Hintergrund darf es wohl als größtes Kompliment gelten, wenn man den Spielern bescheinigen muss, dass es wieder einmal gelungen ist, so wunderbar von ihnen „getäuscht“ zu werden.

Ein zweiter Besuch lohnt sich

Im Nu verwandelt sich der Platz vor Sevilla in ein weitläufiges Areal, das zum Ausgangspunkt für die tödliche Liebesgeschichte zwischen Carmen und Don Jose wird – Bühnenbild und Lichtregie verdichten sich bereits hier zu einem atmosphärischen Meisterstück. Auch die nachfolgenden Szenenwechsel vollziehen sich meist auf offener Bühne, indem das aktuelle Bild wie von Geisterhand zur Seite geschoben wird und Platz etwa für die Schenke mit einer Vielzahl von überaus lebendigen Soldaten geschaffen wird. Auch die nachfolgenden Übergänge passen sich mit eleganter Professionalität dem Operngeschehen an und sind darauf bedacht, den Betrachter nicht aus der Spannung herauszureißen. Kleinste Details versehen dabei ihren bühnenwirksamen Dienst, und selbst ein Marionetten-Esel dient nicht allein zur Dekoration, sondern führt ein höchst eigenwilliges choreographisches Bühnenleben. Wollte man Kritik üben, so ist es vielleicht das „klinisch Saubere“, das manchen Spielort oder manches Requisit (Marktwagen) umgibt und damit das vollständige Eintauchen in das folkloristische Spanien erschwert.

Über all dieser kunstvollen Kleinarbeit sind es freilich die unglaublich verfeinerten Bewegungen und Gesten, die Bizets Opernpartitur zu solch großer Anschaulichkeit und psychologischer Umsetzung verhelfen. Man sieht, wie die Spieler in der zurückliegenden Zeit noch tiefer in das Werk eingedrungen sind und dabei gelernt haben, wie sich handwerkliches Können zumindest im Bewegungsablauf dem annähern lässt, was auf der Theaterbühne oft so starken Eindruck macht. Sei es im umwerfenden Kastagnettenspiel, im Mischen der Karten oder im hocherotischen Tanz, den Carmen vor dem sichtlich hin- und hergerissenen Don Jose vollführt: Was hier mit Marionetten „im Kleinen“ geschieht und dort seinen leidenschaftlichen Ausdruck findet, ist für den Betrachter kaum nachzuvollziehen.

Wer also bisher keine Gelegenheit hatte, sich „Carmen“ als Marionettenoper anzusehen, kann das gerne mit dem Warten auf diese Neuinszenierung begründen. Die anderen werden feststellen, wie lohnenswert auch ein zweiter Besuch ist.