Die Leiden des jungen Werther (Goethe) (1999)

Nichts war’s mit dem wohligen Werther-Schauer, den Goethes Frühwerk auch heute noch auszulösen vermag. Als dramatisierte Fassung erfüllte die Aufführung gleichwohl den Anspruch auf eine zeitgemäße Annäherung.

Die laute Penetranz der gewiß GEMA-freien Musik durch ein E-Piano ließ zunächst Schlimmes ahnen. Und an die gelegentliche Einmischung der lebendigen Figuren inmitten eines überdimensionalen Bilderrahmens würde man sich schon gewöhnen können.

Neugierde auf ihr weiteres Tun erzeugten sie allemal, und sie wurde im weiteren Verlauf aufs Klügste befriedigt: die wunderbar kolorierten Zwischenszenen mit wechselnden Akteuren sollten sich am Ende zur eigentlichen Stärke dieser Inszenierung mausern. Zu ihnen darf sich ohne Weiteres auch die gekonnte Mischung aus Deklamation, Aktion und Kommentar zählen – immerhin galt es ja, die Briefe, aus denen „Die Leiden des jungen Werther“ ausschließlich bestehen, in eine tragende Bühnenhandlung zu verwandeln. Die Absicht, den Werther-Schmerz in zeitgemäße Ausdrucksform zu zwängen, war jederzeit erkennbar. Und so signalisierten ein paar der reichlich vorhandenen Schüler deutlich verlautbarte Akzeptanz.

Freilich stemmte sich diese Möglichkeit der Aktualisierung gegen das, was dem Werk letztlich so ungeheuren Erfolg (und manchen Selbstmord aus Liebe) eingebracht hat: die sich ständig steigernde Spannung, verbunden mit ungeheuerer Sprachintensität.

Vielleicht mag dazu ja auch die etwas farblose Darstellung von Markus Fennert beigetragen haben, dessen Leidenschaft für Lotten doch ziemlich brav daherkam. Da blitzte in Matthias Grundigs Spiel als Wilhelm schon wesentlich mehr vom romantischen Geist des 18. Jahrhunderts hervor. Peter Schmidt-Pavloff verlieh Lottes Verlobtem Albert eine beinahe feindselige Haltung gegenüber Werther, was dessen Gebaren ja eigentlich kaum nahe legten. Immerhin verliehen seine spielerischen Konturen dem Fortgang eine eigentümliche, beinahe gefährliche Spannung. Die Frage, ob er vielleicht doch eher ein eifersüchtiger Lustmolch als ein liebevoller Gatte sei, hat die Inszenierung ohne Not erhoben.

Lilly Forgàch machte Lottes Zwiespalt, aber auch ihre sanfte Koketterie glaubwürdig und anschaulich, doch schienen sich ihre seelischen Qualen in aushaltbaren Grenzen zu halten. Frau B. – mit Alexandra Surer angemessen besetzt – erhielt neben dem Nachweis ihrer Tauglichkeit als chancenlose Nebenbuhlerin nur wenige Möglichkeiten zur Entfaltung.

So bleibt der Eindruck einer zwar stimmigen und reizvollen Umsetzung des Goetheschen Textes, dessen Möglichkeiten allerdings hinter der Kraft des Originals zurückbleiben. Der Selbstmord dort war zwingend – hier wirkte er ein bißchen übertrieben. Vielleicht ein Indiz mehr, wie sehr ein Vorhaben wie dieses auf eine konsequente schauspielerische Durchdringung zählen muß.