DIe Glut (2002) (Sándor Márai)

„Die Glut“ – packende Bühnenfassung eines Weltromanes

Erneut wurde im Stadttheater große Kunst – literarisch und schauspielerisch – geboten, die wieder auf starkes Publikumsinteresse stieß. Star des Abends war Ezard Haußmann, der seine gewaltige Rolle mit bewunderungswürdiger Eindringlichkeit spielte.

Etwas über zwei Stunden keine Pause: man durfte neugierig sein, was da so konzentriert auf einen zukommen würde. Dies umso mehr, als sich schon bald herausstellte, dass es sich wohl überwiegend um Monologe der Hauptperson Henrik handeln würde. Doch dann geschah wieder eines dieser kleinen Theaterwunder, wo schauspielerisches Können mit einer klug und spannend disponierten Vorlage zusammenfällt, wo die Neugierde auf die Auflösung mit der spielerischen Intensität zu wachsen scheint.

Sándor Márai hat mit seinem mehr als fünfzig Jahre alten Stück eine gewaltige Komposition geschaffen, in der all die großen Themen geistreich zusammengefügt sind: Liebe, Freundschaft, Einsamkeit, Verrat und Treue, nicht zuletzt auch das Alter.

Nach 41 Jahren erwartet der alte General Henrik seinen Jugendfreund Konrad (Stefan Lisewski), mit dem er auch noch als Verheirateter unzertrennlich schien. Stefan Lisewski spielt diese Rolle markant, wirkt aber über weite Strecken beinahe teilnahmslos.

Dann jedoch kommt jener Tag, an dem beide zur Jagd gehen und Henrik plötzlich spürt, dass sein Freund mit dem Gewehr auf ihn zielt, ohne dann allerdings abzudrücken: Einen Tag später verschwindet Konrad ohne Abschied, und Henrik und seine Frau sprechen bis zu deren frühem Tod kein Wort mehr miteinander. Hatten sie und Konrad ein Verhältnis miteinander? War sie gar informiert über den geplanten Anschlag?

in der Bühnenfassung von Knut Boesner breitet sich nun ein Meer von Gefühlen aus, ein Wechselbad von Verdächtigungen und Positionswechseln und es entsteht eine rücksichtslose Abrechnung über die Ernsthaftigkeit vermeintlicher Werte. Vor allem Ezard Haußmann ist es, der die Feinheiten dieses großen literarischen Textes mit Leben erfüllt und seine Rolle zu einer packenden Theaterfigur entwickelt.

Als alternder Offizier macht er zudem die Melancholie über den Untergang des k.u.k- Reiches spürbar. Davon war auch eine seiner wichtigsten Lebenstugenden, die Freundschaft nämlich, bedroht. Unglaubliche Vorhaltungen, messerscharf begründete Sätze fallen und machen das Stück zunehmend zu einer spannenden Geschichte.

Erst wenn die „Glut“ dieser Gefühle aus Rache, Enttäuschung und Zweifel nicht mehr so entsetzlich glimmt, wird Henrik seinen Seelenfrieden finden. Konrad verlässt den Raum, und Henrik bleibt wieder allein mit seiner jungen Haushälterin zurück. Emese Fáy gestaltet diese Rolle mit original- ungarischen Sequenzen als erfrischenden Kontrast zu den beiden älteren Herren.

Die überaus sorgfältig wirkende Inszenierung Heribert Sasses endet damit, dass Konrad mit einer Pistole in der Hand einen vielleicht lange geplanten Selbstmord nahelegt – einen Selbstmord, der jedenfalls erst nach dieser großen Aussprache in Erwägung gezogen werden konnte. Die Szene erinnert vor allem aber daran, dass auch Sándor Márai – 41 Jahre, nachdem er Ungarn verlassen hat und fortan in der Fremde lebte -1989 sein Leben auf diese Weise beendet hat.