Grace & Glory (Tom Ziegler)

Die Direktorin springt ein: Zwei abenteuerliche Stunden

Nun hat sich die Theaterdirektorin gleich selbst ins Bett legen müssen: Nachdem auch Hilde Sochor als Ersatz für Annemarie Wendl krank geworden war, kam Hilde Vadura an die Reihe, um in dem Stück „Grace & Glory“ die letzten Tage einer 90-Jährigen zu spielen. Mit tatkräftiger Unterstützung der Souffleuse durfte sie dort am Ende doch noch friedlich entschlafen.

Selten bedeutet es etwas Gutes, wenn eine Schauspielerin vor Beginn vor den Vorhang tritt: Marianne Rogée überbrachte diesmal die Nachricht, dass ihre Kollegin erkrankt sei und dafür Hilde Vadura einspringen würde. Über die Stimme der leider unumgänglichen Souffleuse möge man doch bitte hinweghören. Nichts war es also mit der Sympathie, die man laut Programmheft Hilde Sochor entgegenbringen sollte, die ja ihrerseits schon Ersatz für die ursprüngliche Besetzung, nämlich Annemarie Wendl, gewesen wäre. Statt dessen eine souverän agierende Marianne Rogée als Gloria, die zwei abenteuerliche Theaterstunden überstand, in denen die Tournee-Chefin kurzfristig die Hauptrolle übernahm und die Regieassistentin die der stark geforderten Souffleuse.

„Ich sterbe, so schnell ich kann“

Vor diesem Hintergrund darf man mit dem künstlerischen Ergebnis mehr als zufrieden sein, da die Direktorin ganz offensichtlich etwas von ihrem Handwerk versteht. Und so lag sie also als Grace Stiles in ihrem Bett und konnte sich nicht wehren gegen den Besuch Gloria Whitemores, die ausgezogen war, um nach dem Willen ihrer Firma „Hospiz“ der armen Dahinsiechenden zu zeigen, wie man den Tod zeitgemäß managt.

Die aber gebärdete sich zumeist quicklebendig und vereinte den Altersstarrsinn mit einer deftigen Portion Humor. Zwei völlig unterschiedliche Welten prallten da zusammen, und am Ende konnten beide Frauen ein paar wichtige Erkenntnisse aus der jeweils anderen mitnehmen. Gewiss, das unterhaltsame Stück schildert die Zeit des Abschiednehmens als ziemlich heitere Angelegenheit, bei der die Frage nach dem Sinn des bisherigen Lebens eine befriedigende Antwort findet. Im Gegenzug erkennt die New Yorkerin Gloria Whitemore, dass dieselbe Frage in ihrem Falle fast zur Sinnkrise führt, da ihr ein paar wichtige Einblicke verborgen geblieben sind. Die aber vermittelt im besten Komödiensinne das Gespräch beim Besuch jener alten Dame. Ein paar Seitenhandlungen halten die fünf Szenen in Schwung, etwa die immer wieder jäh und laut hereinbrechenden Abrisskolonnen einer Baufirma oder der erbbereite Neffe, dem gegenüber Grace versichert: „Ich sterbe, so schnell ich kann.“ Berührend sind die Schilderungen beider Schicksale: Grace hat alle fünf Kinder verloren, und auch der einzige Sohn von Gloria kam bei einem von ihr verursachten Verkehrsunfall ums Leben.

Marianne Rogée hatte keinerlei Mühe mit der Umsetzung des überspannten Stadtmenschen. Dass sie das Ganze vor dem Hintergrund des unvorhergesehenen Rollenaustausches ihrer Partnerin tun musste, macht ihre Leistung umso anerkennenswerter. Unverkennbar war auch der zunehmende Spaß, den die eingesprungene Hilde Vadura an ihrem Einsatz hatte – zwischendurch schien sie ganz zu vergessen, dass sie eigentlich eine 90-Jährige zu verkörpern hatte.