Päpstin im Zwiespalt – eine Referenz für Maria Becker
War das also der erwartete „Höhepunkt“ der laufenden Theatersaison? Eine befriedigende Antwort wird nur dann gelingen können, wenn die Leistungen von Maria Becker und die eigenwillige Auseinandersetzung Esther Vilars mit dem sinnstiftenden Potential des Katholizismus sorgsam auseinander gehalten werden.
Wie erfreulich: die Sorge, dass die beim letzten Stück ziemlich unbegründete Anziehungskraft eines Pierre Brice diejenige einer Maria Becker übertreffen könnte, erwies sich als unbegründet, denn erneut war das Lindauer Stadttheater fast ausverkauft.
„Die amerikanische Päpstin“ gewährte Audienz, und die Zuschauer erwiesen Maria Becker – am Ende sogar stehend – ihre Referenz.
Beste Voraussetzungen also für einen gelungenen Theaterabend. Und der gehörte zunächst einmal der Frau, die mit über 80 Jahren schon beinahe als „Theaterlegende“ gelten darf, und die mit ihrem Auftritt noch einmal besonderen Glanz auf unsere Bühne brachte. Fast unauffällig nahm sie Kurs auf jene berühmte Fernsehrede im Jahre 2033, die sie als erste Frau auf dem ziemlich abgespeckten Heiligen Stuhl zu halten gedachte. Schon nach wenigen Minuten wurde ihre wohl etwas angegriffene Stimme fester, ihre Entschlossenheit zu diesem Amt spürbar, und die direkte Ansprache an die Männerwelt, ihre Geschlechtsgenossinnen und die Jugend unmittelbar und leidenschaftlich.
Das so vielen mittelmäßigen Schauspielern verborgene Geheimnis, mit wenigen Gesten und genau dosiertem Ausdruck zu packen und den Zuschauer selbst auf abwegigste Wege zu locken, wurde in Maria Beckers Spiel einmal mehr erfahrbar.
Und doch blieb da ein Rest, der hartnäckig zu verhindern wußte, von einem rundum begeisternden Theatererlebnis zu sprechen. Die deutschsprachige Erstaufführung der „Amerikanischen Päpstin“ fand 1984 – ebenfalls durch Maria Becker – in Zürich statt. Esther Vilar machte als ausgewiesene Atheistin mit diesem Stück den Versuch, auf die fragwürdigen Folgen hinzuweisen, die eine allmähliche Liberalisierung der katholischen Kirche nach sich ziehen würden. Es ist ein Plädoyer auf die moralischen und ethischen Werte, die allenfalls noch von der Kirche vorgebbar seien und somit auch eine gewisse Aussicht auf Erfolg hätten. Wie in den meisten ihrer Stücke setzt sie dabei auf zahlreiche Pointen und einen gehörigen Schuss Ironie, um ihre durchaus streitbaren Thesen zu vertreten.
Doch auch wenn der Monolog dieser Päpstin pessimistisch angelegt ist, blieb das Augenzwinkernde und zum Widerspruch Reizende ihrer Rede weitgehend verdeckt. Die Grenzen zwischen Resignation und missionarischem Eifer verwischten sich, und sie werden in diesem Stück auch nicht von besonderem literarischen Ehrgeiz überdeckt.
Ohne also an der schauspielerischen Leistung von Maria Becker rühren zu wollen, drängt sich vor diesem Hintergrund die Frage auf, ob dieses Manko in den Händen einer forschen und jüngeren Schauspielerin weniger sichtbar würde, weil die ironischen Aspekte dieses Stückes größeres Gewicht bekämen. So aber beeinträchtigt der berechtigte Respekt vor einer so großen Schauspielerin eine unbefangenere Auseinandersetzung mit Vilars Thesen.