Dias verbinden griechisches Drama mit der heutigen Zeit
Auch wenn ,,Elektra „, dieses bluttriefende Rachestück, stets aufs Neue ausgehalten werden will, so besticht immer wieder die dramatische Dichte, mit der Sophokles dieses Werk ausgestattet hat. Die Landesbühne Sachsen-Anhalt hat es im Lindauer Stadttheater 70 Minuten lang geschafft, diese Dichte spürbar zu machen.
Es war eine interessante Idee von Regisseur Frank Sieckel, die griechische Tragödie mit „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones beginnen zu lassen: Es läutete seinerzeit das Ende der Hippie-Ära ein, und nach dem Mord der Hell’s Angels an einem Konzertbesucher während dieses Stückes war es erst einmal vorbei mit der Unschuld jener Zeit.
Elektra und der erst jetzt zurückgekehrte Bruder Orest sind wild entschlossen, den Mord an ihrem Vater Agamemnon zu rächen, den ihre Mutter Klyteimnestra und ihr Liebhaber Ägist gemeinsam begonnen haben. „Wenn niemand Mörder bestraft, geht die Achtung vor dem Leben zu Ende.“
Vermutlich löst die Radikalität, mit der Sophokles diesen Satz der Elektra umsetzt, heutzutage deswegen soviel Beklemmung, Unbehagen, vielleicht auch Befremden aus, weil es dem Geschwisterpaar ja um etwas anderes geht: Nicht der Wunsch nach Bestrafung treibt sie an, sondern allein ihre unstillbaren Rachegefühle; nur daraus bezieht Elektra – trotz entwürdigender Bedingungen – ihren Lebenswillen und ihren Stolz, und davon lebt auch dieses Stück.
Elektra zeigt sich auch bauchfrei
Dem Landestheater Sachsen-Anhalt gelingt es mühelos, die Handlung zwar optisch in eine angedeutete Umgebung jener Zeit zu verlegen, dabei aber Kleidung, Gestik und den sprachlichen Duktus an heutige Vorstellungen anzupassen: Wir werden verschont von wallenden Umhängen und aufgesetzter Deklamation; und wir finden es konsequent, wenn sich die Auflehnung und der Hass gegen ihre machtbesessene Mutter auch darin zeigt, dass sich Elektra sowohl bauchfrei als auch immer wieder nachdenklich gibt.
Dazu werden gelegentlich Dias aus der jüngeren Geschichte eingeblendet, die daran erinnern, wie Leid und Unrecht sich entwickeln, wie trügerisch manche Idylle ist. Das mag manchmal etwas plakativ wirken, verfehlt seine Absicht aber nicht. Wohl zur Schonung des Publikums wurde auch der „Mord“ an der Mutter zuvor gefilmt und jetzt an die Wand projiziert – das hat die Szene zumindest nicht allzu unappetitlich gemacht.
Auf die Kommentare des Chors, die ja zum Wesensmerkmal des antiken Theaters gehören, hat man zwar nicht verzichtet, sie jedoch als atmosphärisch gelungenes Stimmen- und Gedankengewirr den Lautsprechern anvertraut.
Wie schon in der umjubelten Faust-Inszenierung vor zwei Jahren (die wir zum Glück in knapp drei Wochen nochmals sehen können), besticht das Landestheater Sachsen-Anhalt auch in dieser Tragödie durch seine überaus geschlossene Ensembleleistung.
Selbstverständlich ragt dabei Maria Vrijdaghs in der Hauptrolle besonders hervor – immerhin handelt es sich dabei um die erste große Frauenfigur der Theatergeschichte; es gelingt ihr ohne weiteres, die Haltung der Elektra glaubwürdig zu machen, sogar Verständnis und eine gewisse Sympathie dafür zu wecken. Dass sie das in einem Umfeld guter Schauspieler und einer sensibel geführten Regie tun konnte, hat auch diese „Elektra“ zu einer herausragenden Theaterstunde gemacht.