Als Koloratur-Sopranistin wird ihr künstlerischer Radius immer größer – sowohl was die Breite ihres Repertoires anbelangt als auch geographische in die Musikmetropolen dieser Welt. Winfried J. Hamann hat mit der Sängerin gesprochen, die ihren familiären Mittelpunkt immer noch in ihrer Heimatstadt Günzburg sieht.
WJH: Am 31. Oktober haben am Münchner Nationaltheater die Aufführungen der „Zauberflöte“ begonnen, in der Sie die „Königin der Nacht“ singen. Wissen Sie noch, wann Sie zum letzten Mal in ihrer Heimatstadt Günzburg öffentlich gesungen haben?
Damrau: Oh ja – allein in den letzten Monaten habe ich dort einen Liederabend mit dem Liederzyklus „Myrten“ von Robert Schumann gegeben, habe in der Frauenkirche die Cäcilienmesse gesungen, und in der Sparkasse Günzburg fand auch die CD-Präsentation von Mahlers „Des Knaben Wunderhorn“ in der Originalfassung für zwei Stimmen und Klavier statt – immerhin eine Weltpremiere auf CD.
WJH: Wenn wir schon dabei sind: in biographischen Angaben über Sie ist meist der Hinweis auf ihre Heimatstadt zu lesen. Was bedeutet Ihnen Günzburg heute?
Damrau: Abgesehen davon, dass ich dort meine ganze Jugend verbracht habe, leben ja meine Eltern und mein Bruder dort, und wenn es möglich ist, versuche ich sie natürlich zu besuchen. Ich selbst war schon als Kind im Turnverein, und mein Bruder ist heute noch im VfL aktiv.
WJH: Bleiben wir noch für einen Moment bei der „Zauberflöte“: letztes Jahr – und zwar an Mozarts Geburtstag – wurde seine Oper im Royal Opera House, Covent Garden, von der BBC auf DVD aufgenommen, wo sie – ebenfalls als „Königin der Nacht“ – enormen Beifall bekamen. Worin besteht für Sie der Hauptunterschied zu Helmut Lehbergers aktueller Münchner Inszenierung, die sich ja überwiegend an diejenige von August Everding hält?
Damrau: Sie ist viel märchenhafter und bunter, lebt von Bildern, und sie ist gelegentlich etwas „deftiger“. Die „Königin der Nacht“ ist in München schöner, auch wenn es mir selbst lieber ist, sie wäre nicht so schön. Die Charaktere in Covent Garden waren insgesamt wohl feiner gezeichnet.
WJH: Im Dezember werden Sie an der Mailänder Scala sechsmal die Hauptrolle in einer Salieri-Oper (Europa riconosciuta) singen – auch deshalb eine besondere Ehre, weil die Scala einst mit diesem Werk eröffnet wurde. Danach gibt es wieder zweimal die „Zauberflöte“ in München, und an Silvester wirken sie dort auch als Adele in der „Fledermaus“ mit. Wie muss man sich in solchen Zeiten Ihren Alltag vorstellen und die Anteile, die dabei das so genannte „Private“ einnimmt?
Damrau: Mein Freund, der auch Sänger ist, ist Gott sei Dank flexibel und weiß um die Anforderungen in diesem Beruf. Und dazu gehört, dass ich in nächster Zeit eine Menge Energie und Konzentration brauche. Das ist dann das „Private“, das ich brauche und auch bekomme.
WJH: Irgendwo war zu lesen, dass Sie gerne in Musikgeschäften stöbern und selbst auch eine große CD-Sammlung besitzen. Die Zahl der Fachgeschäfte nimmt aber zunehmend ab, und die Musikindustrie verzeichnet gewaltige Umsatzrückgänge. Wie sehr beschäftigt Sie das als ausübende Künstlerin in dieser Branche? Und für wie wichtig erachten Sie die Präsenz eigener CDs?
Damrau: Zunächst sind eigene CDS hilfreiche und wichtige Visitenkarten bei Veranstaltern, die danach auch die Präsenz am Markt beurteilen können. Wenn sie dazu beitragen, dass Künstler mit klassischer Musik Geld verdienen, ist das umso schöner. Ich finde es auch toll, wenn beispielsweise Cecilia Bartoli mit ihrer Salieri-CD eine Marktlücke füllen und sie darüber hinaus sogar ein regelrechtes Salieri-Revival auslösen kann. Andererseits sehe ich natürlich auch die Gefahr, dass man bei Erfolgen wie etwa dem von Anna Netrebko, die wirklich alles hat und verkörpert, was die Industrie braucht, ausgequetscht wird und man den Leuten das Gefühl vermittelt, mit ihrer CD alles zu haben, was man als Klassikhörer braucht. Was mich persönlich betrifft, so wird mein Weg natürlich in erster Linie der einer „Live-Sängerin“ bleiben.
WJH: Als Opern- oder als Liedsängerin?
Damrau: Meine Opernkarriere ist natürlich größer – doch künstlerisch ist mir der Liedgesang mindestens genauso wichtig; bei ihm ist man gezwungen, mit der Sprache genau umzugehen, und die Sprachkunst unserer Lyriker bleibt nicht zuletzt dadurch am Leben – und auch das Bewusstsein, dass wir eine wunderbare Sprache haben: man kann sich ja fast in keiner Sprache so exakt ausdrücken wie in der deutschen.
WJH: Zurück zu ihren schwäbischen Wurzeln: inwieweit hat Ihr damaliger Musikunterricht Einfluss auf ihre Entwicklung als Sängerin genommen – und wann genau hat sich gezeigt, dass Sie diese Berufsentwicklung nehmen würden?
Damrau: Mein damaliger Musiklehrer hat erkannt, dass ich musikalisch bin und eine gute Stimme habe. Das führte dazu, dass ich mit 15 Jahren in Günzburg bei der rumänischen Opernsängerin Carmen Hanganu Gesangsunterricht bekommen habe und von ihr für die Hochschule in Würzburg vorbereitet habe. Dort wurde ich nicht nur sofort aufgenommen, sondern man hat auch ihr einen Lehrauftrag gegeben, damit ich mit dieser Lehrerin bis zum Examen weiterarbeiten konnte.
WJH: Wenn eine Sängerin wie Sie international tätig ist, interessieren einen oft die ganz banalen Dinge solcher Stars: welche Automarke fährt Diana Damrau, von welcher Firma ist ihre Stereoanlage, kann man bei soviel Standortwechseln eine Wochenzeitschrift abonnieren (wohin?), surft sie gern im Internet, wie entspannt sie sich am liebsten und was schaut sie für Filme an?
Damrau: Also: da ich viel unterwegs bin, habe ich kein Auto, sondern fahre hauptsächlich Lufthansa. Die Stereoanlage stammt noch aus der Studentenzeit und wird demnächst auf den neuesten Stand gebracht. Wochenzeitschriften gibt’s nur vom Kiosk, und fürs Surfen im Internet fehlt mir leider die Zeit. Ich sehe gerne historische Filme und moderne Shakespeare-Verfilmungen. Und entspannen tue ich am liebsten bei Spaziergängen in der Natur, beim Saunen und beim Ausreiten.
WJH: Noch eine Frage zu ihrem Beruf: mit welchem der großen Dirigenten der Vergangenheit hätten Sie gerne einmal zusammengearbeitet, und mit welchen der Gegenwart würden Sie das gerne noch tun?
Damrau: In der Vergangenheit mit Carlos Kleiber und Herbert von Karajan, in Zukunft mit Daniel Barenboim, Simon Rattle und Claudio Abbado.
WJH: Abschließend die Inselfrage: Sie dürfen nur drei CDs auf jene berühmte Insel mitnehmen: welche sind das?
Damrau: Ich lasse alle CDs zuhause und nehme mir meine Musik auf meinem iPod mit!