Opfer hält Gericht über den Peiniger
(enz) Opfer und mutmaßlicher Täter stehen einander gegenüber: Ist er’s oder ist er’s nicht? Wenn ja, wie kann Rache aussehen? Wie Sühne? Kann es gar Vergebung geben? Die Theaterbesucher werden zu Geschworenen, suchen in einem politischen Psycho-Thriller rätselnd Antworten auf Fragen, die über Schuld oder Unschuld entscheiden!
Mit dem Stück „Der Tod und das Mädchen“ aus der Feder des argentinischen Schriftstellers Ariel Dorfmann hat sich ein dreiköpfiges Lindauer Theaterensemble mit Spielleiter Winfried Hamann einen Stoff ausgesucht, der Folterszenarien totalitärer Systeme in einem dramatischen Rollentausch entblößt: Das einst gequälte Opfer hält Gericht über seinen angeblichen Peiniger!
Wie lautet das Urteil? Es sei noch nicht verraten, weil der lebhaft applaudierten Premiere am vergangenen Mittwoch noch zwei Aufführungen am heutigen Freitag und am Sonntag jeweils um 20 Uhr im Stadttheater Lindau folgen.
Ein Zufall bringt die aufpeitschenden Ereignisse in Gang. Genauer gesagt eine Reifenpanne und ein fehlendes Ersatzrad. Hilflos steht der Anwalt Gerardo Escobar am Straßenrand, ehe ein Autofahrer stoppt und ihn nach Hause chauffiert. Dort glaubt Gerardos Ehefrau Paulina beim nächtlichen Gast die Stimme jenes Folterarztes zu erkennen, der sie vor 15 Jahren zur Schubert-Melodie „Der Tod und das Mädchen“ auf teuflische Weise vergewaltigt hat.
Da ihr damals die Augen verbunden waren, ist sie auf sinnliche Wahrnehmungen angewiesen. Stimme, Haut, Körpergeruch – dazu die Kassette mit Schuberts Musik im Auto. Er muss es gewesen sein! Paulina überwältigt den vermeintlichen Sadisten, zwingt den beharrlich Leugnenden unter Todesdrohungen zum Geständnis.
Gaby Brensing gibt der bedrückenden Handlung in der strapaziösen Rolle von Paulina eine verdichtende Intensität. Kann man Angst und böses Erinnern vertreiben, indem man furchtlos spielt? Vielleicht! Mit der expressiven Sprache einer brutal Geschändeten artikuliert sie die dramatische Wucht, mit der ein grauenhafter Tatbestand langsam, aber unerbittlich enthüllt wird.
Dazu gehören zwangsläufig vulgäre Ausrutscher. Zum Entsetzen ihres Mannes Gerardo, trefflich verkörpert von Werner Geis. Wie er sich zwischen Solidarität und Zweifeln windet und angesichts der drohenden Selbstjustiz am Rande des Nervenzusammenbruchs entlang schleicht, offenbart den Seiltanz am Abgrund menschlicher Gebrechlichkeit.
Werner Waltenberger spielt die Rolle des angeblichen Bösewichts in Gestalt des Arztes Roberto Miranda. Im Ohr bleiben die Worte in seinem Geständnis, wie ein Mensch als Handlanger eines diktatorischen Regimes zum Unmensch werden kann. Wie bald die Maske der Moral fällt und Brutalisierung zum reizvollen Spiel wird.
Das Bühnenbild von Uta Weik ist mit Bedacht gewählt: Ein isolierter Schauplatz in einem Strandhaus am Pazifik in Südamerika – mit transparenter Terrasse zum Meer, die als zweite Spielebene für Frischluft sorgt. Wellenrauschen verstärkt das atmosphärische Ambiente, ehe Lichtkegel durchs Fenster tanzen und Krimi-Effekte signalisieren. Ein Schuss fällt! Wer sehen will, ob es ein Treffer war, sollte sich sputen.