Die Perle der diesjährigen Theatersaison
So machtvoll kann Kultur am Zeitgeist nagen: War es tags zuvor noch Bruno Jonas, der skrupellosen Bankern und machtversessenen Politikern die Leviten las, so legte nun das Theater nach: Dort zeigte Hans Magnus Enzensbergers Molière Adaption die Methoden auf, nach denen vieles in unserer Gesellschaft funktioniert – und wie hoffnungslos es ist, sich der drohenden Oberflächlichkeit zu widersetzen.
Im dritten Akt von Molières Komödie „Der Menschenfeind“ heißt es: „Wer nicht die Gabe hat, seine Gedanken zu verstecken, hat hierzulande sehr wenig zu suchen.“ Dieser Satz schimmert durch die immer noch fesselnde Aktualisierung von Hans Magnus Enzensberger von vor 30 Jahren, der Martin Woelffer in seiner Inszenierung behutsam zur Tagesaktualität verholfen hat.
Es ist eine ausgelassene Party, die unter dem Dach des Hochhauses stattfindet, das Anja Wegener so anschaulich auf die Bühne gestellt hat. Kein Wunder also, dass Alceste, den Klaus Chatten so leidenschaftlich darstellt, von dieser dekadenten Partywelt angeekelt ist und sich dorthin flüchtet; so muss er auch nicht die ständigen Avancen mit ansehen, die seiner koketten und geistvollen Freundin Célimène gemacht werden: Sie nämlich liebt das Bad in der Menge, und ein bisschen „prominentengeil“ ist sie auch.
Ein absurderer Liebesbeweis – Alceste will sich mit ihr auf ein einsames und menschenleeres Fleckchen zurückziehen, um der verlogenen Gesellschaft zu entfliehen – lässt sich also kaum denken. „Im besten Alter in die Wüste?“, entgegnet sie fassungslos und stellt nüchtern fest: „Du machst dir vor, man könnte flüchten und irgendwo in Island Schafe züchten.“ Nein, so einfach ist das wirklich nicht, wenn man sich irgendwann nur noch als „Opfer einer Clique“ sieht, von der man „zu Tode gehetzt“ wird. Hans Magnus Enzensberger tut dem selbstquälerischen Charakter in seiner Fassung den Gefallen: Alceste stürzt sich am Schluss vom Hochhaus und lässt die entsetzte Célimène zurück.
Was für ein ausgewogen und stark aufspielendes Ensemble: Die achtköpfige Truppe, die von der „Komödie am Kurfürstendamm“ unter der Direktion Woelffer auf Reisen geschickt wurde, hat die manchmal berechtigten Vorbehalte gegenüber Tourneebühnen eindrucksvoll widerlegt. Kein Gefälle tat sich hier zwischen ein paar unbekannten Schauspielern auf, die sich um einen „prominenten Stargast“ scharen, der dann für gut besuchte Häuser sorgt.
Und wenn Adisat Semenitsch hier trotzdem besonders hervorgehoben werden soll, dann nur deshalb, weil es dank ihres psychologisch fein abgestimmten Spieles gelungen ist, den üblichen Widerspruch dieses Stückes – von „Komödie“ kann ja kaum bei Molière und schon gar nicht bei Enzensberger die Rede sein – aufzulösen, nämlich den: „Wie verfällt jemand, der sonst so prinzipienversessen und fanatisch ist, dieser vermeintlich oberflächlichen Freundin?“
Adisat Semenitsch ist eben nicht nur hübsch, sondern sie spielt und zeigt in ihren Reaktionen, dass sie den eruptiven Anfällen von Alceste intelligent und entschlossen begegnen kann und durchaus weiß, was sie als Frau vermag und was sie sich als selbstbewusste Person nicht nehmen lässt.
Der herrliche Schlagabtausch, den sie sich mit Manon Straché liefert, welche die durchtriebene Arsinoé verkörpert, darf als besonderes spielerisches Schmankerl gelten. In diese Reihe gesellt sich auch der Vortrag des abscheulichen Gedichtes von Oronte (Tilman Günther), wo das Zusammenspiel zwischen Alcetes Freund Philinte, dem Matthias Zahlbaum so viel Wärme und Geduld verleiht, so viel über die Freundschaft zwischen zwei so unterschiedlichen Männern aussagt. Beide Beispiele belegen im Übrigen das wundervoll austarierte Tempo in diesem Stück, das auch Raum für wirkungsvolle Pausen bot.