Das Tagebuch der Anne Frank

Der Alltag der Anne Frank im Versteck

Erneut waren es vor allem Jugendliche, die ins Stadttheater kamen, um diesmal „Das Tagebuch der Anne Frank“ zu sehen. Die Inszenierung des Nordtour-Theaters hatte sich für eine möglichst realistische Darstellung entschieden, um den zweijährigen Alltag im Versteck zu beschreiben. Auf das erste Highlight der Theatersaison muss offenbar weiter gewartet werden.

Daran, dass aus ihren berühmt gewordenen Tagebuchaufzeichnungen eines Tages ein Theaterstück entstehen würde, hat der schreibbegabte Teenager wohl kaum gedacht. Vielleicht hätte Anne Frank die Gefahr, dass manches dann in Äußerlichkeiten hängen bleiben könnte, gefürchtet. Trotzdem bietet so ein Stück einer sehgewohnten Gesellschaft die Möglichkeit, sich eine Situation vor Augen zu führen, der sie sich sonst vielleicht verschließen würde. Aus dramaturgischer Sicht freilich ist so eine Bearbeitung problematisch, zumindest nicht sehr ergiebig.

Mit Anna Morawetz stand eine junge Schauspielerin auf der Bühne, die sich mit Vehemenz auf diese Hauptrolle warf. Sie war entschlossen, sich an dem abzuarbeiten, was das Tagebuch an Hinweisen zu Annes Charakter hergibt. Ihre schwierige Beziehung zur Mutter, das überfallartige Frau-Werden, ihr impulsives Verhalten – das alles hat Anna Morawetz zu großer Anschaulichkeit verarbeitet. Und wenn das gelegentlich als nervig empfunden wurde, so könnte das tatsächlich die Situation für die damaligen Mitbewohner widerspiegeln. Ihr Aufschrei, im Unterschied zur braven Schwester Margot (Nicole Dirks) „eine einzige Enttäuschung“ zu sein, findet in der gesehenen Darstellung umso größere Glaubwürdigkeit.

Die üppig ausgebaute Bühne von Félicie LavauIx-Vrécourt lässt kein Detail des Frankschen Versteckes aus, um alles so realistisch wie möglich zu machen. Dass Betroffenheit und Unmittelbarkeit aber auch mit reduzierten oder gar abstrakten Mitteln erzeugt werden kann; hat die „Mutter Courage“ der vergangenen Woche gezeigt – das Vertrauen auf die Kraft des Wortes und das Können der Schauspieler scheint da größer gewesen zu sein. Doch auch jetzt konnte das Nordtour-Theater mit überaus ansprechendem Personal aufwarten: Detlef Heydorn gab Vater Frank als weisen und souveränen Mittelpunkt, der nie die Fassung verlor. Matthias Simon verkörperte den leicht exaltierten Zahnarzt, der mit sanftem Nachdruck auf seinen vermeintlichen Sonderstatus bedacht war. R. A. Güther war als Herr van Daan auf jenen undankbaren Part angesetzt, der jede Gemeinschaft sprengen kann. Auch die Frauen verliehen ihrer Rolle Farbe und Leben. Doch angesichts der Vorgaben, die aus diesen Menschen keine sonderlich ausgeprägten Charaktere machen, war die Herausforderung wohl nicht besonders groß. So bewegte sich das Stück zwischen Original-Einblendungen der damaligen Propaganda und Alltagssorgen, zwischen hysterischen Ausbrüchen und schönen Augenblicken (etwa der bewegenden Weihnachtsfeier), zwischen Angst und Hoffnung. Das war gut und nachvollziehbar gemacht, hinterließ aber insgesamt jene emotionale Lücke, die doch gerade Theater in seinen besten Momenten zu schließen weiß. Vielleicht hat es ja immerhin den Wunsch geweckt, wieder einmal das „richtige“ Tagebuch der Anne Frank zu lesen…