Das Mädel aus der Vorstadt (Johann Nestroy)

Saison-Start mit Nestroy weckt vorsichtige Erwartungen zur Theatersaison

Nein, das Wienerische wurde ihm nicht vorenthalten, dem „Mädel aus der Vorstadt“ und seinem deliziösen“ Ensemble. Und so entsprach der Theaterauftakt durchaus dem Gusto des Publikums, dem es vorsichtige Erwartungen in die kommende Saison zu wecken vermochte.

Das Stück selbst bereichert das Komödiengenre als „Posse mit Gesang“ aufs Köstlichste, nicht zuletzt durch die sichere musikalische Begleitung am E-Piano, das neben witzigen Couplets kaum etwas zwischen Johann Strauß und Guiseppe Verdi ausließ. Das 1841 entstandene Stück wäre Jahrzehnte später vermutlich hilflos zur Vorlage einer Operette geworden, von denen ja nur die wenigsten einen Lèhar zum Vater hatten.

Also: Alt balzt um Jung, Reich um Arm, verdächtigt werden die Falschen, und irgendwie werden am Ende unsere heimlichsten Erwartungen erfüllt. Just die Ingredienzen also, die manch unseligem Lustspiel zu entkriechen pflegen.

Die Kunst Nestroys jedoch setzt erst an diesem Punkt ein, und der Verdacht drängt sich auf, daß ihn gerade inhaltliche Banalität zu seinen großartigen Sprachschöpfungen inspiriert hat. Mit Lust spürt er Wortbedeutungen nach, treibt originell Spiele mit ihnen, kreist seine Charaktere verbal ein und entblößt deren Schwächen mit Ironie, einem Schuss Pessimismus und sanften, zynischen Hieben.

All das klappt bei Nestroy nur mit der Beherrschung des Wienerischen – und diese Voraussetzung beherrscht das Tournee-Theater Thespiskarren mit wohltuender Selbstverständlichkeit. Auch wenn sich die heftig monologisierenden Erstauftritte der tragenden Rollen in der angenehm spärlich ausgestatteten Bühne zunächst noch etwas zu verlieren schienen, so wurde doch sehr schnell offenbar: Christiane Rücker gab als junge Witwe eine selbstbewußte und noble Mamsell von bemerkenswerter Heiratswut, und Richard Maynau zeichnete den vorübergehenden Bräutigam mit Leidenschaft und wunderlicher Begriffsstutzigkeit.

Die Stickerin Thekla, allgemeines Objekt erotischer Begierde, war mit der schönen Christina Saginth glaubwürdig besetzt, und sie vermochte ihrem Los intime und anrührende Momente zu entlocken. Hinreißend legte sich Hubert Tscheppe („oder wer“) in bestem Wienerisch ins Zeug, während seine Schwester, die Madame Storch, von Hilde Rom als entflammte Witwe mit charmanter Derbheit vorgeführt wurde. Die drei Näherinnen (Sibylle Widhauer, Tanina Beess und Christine Renhardt), aber auch Günther Stepan als Diener Dominik fielen durch unaufdringliche, aber exakte Choreographie auf und gaben der Komödie erfrischende Impulse.

Karl Dobravsky als Spekulant Kauz knisterte vernehmlich unter seiner kaum erschlaffenden erotischen Spannung, die ihn zwischen der Jagd nach Fräuleins und der Flucht vor seinem schlechten Gewissen in Atem hielt. Regisseur und Schauspieler Peter Josch schließlich, der wie einst Nestroy den alles lenkenden Winkeladvokaten spielt, geht mit der Rolle des „Schnoferl“ eine überzeugende Verbindung ein. Schnoferls Mangel an charakterlicher Ausprägung gleicht Josch durch sicheren Umgang mit der sprachlichen Vielfalt dieser Rolle aus.

So war die sprachliche Exkursion ins österreichische Dichterland von kundigen Darstellern begleitet. Viel Beifall zum Auftakt!