Astrid Kohrs brilliert als „kunstseidenes Mädchen“
Soviel Zulauf mochte man gar nicht erwarten: schließlich stammt der Roman Irmgard Keuns aus den beginnenden 30er Jahren, und wenn Gottfried Greiffenhagen daraus ein Stück für eine einzige Schauspielerin gemacht hat, so muß das fürwahr noch kein Argument für ein volles Haus sein.
Wenn das Theater nun aber doch überaus gut besucht war, so hat es diese Aufführung aus zweierlei Gründen verdient. Zum einen baut die dramatisierte Fassung eine Atmosphäre auf, die so recht dem Geist jener Jahre verpflichtet ist. Dieser Eindruck hält bruchlos bis zum Ende des Stückes.
Insbesondere aber sind es die darstellerischen Mittel Astrid Kohrs, der es scheinbar mühelos gelingt, das Publikum neunzig Minuten lang an das Schicksal jener Doris zu binden, die sich mit 18 Jahren entschließt, ein „Glanz“ – also berühmt – zu werden.
Behutsam und voller Respekt verfährt sie mit dem verzweifelt-brillanten Sprachduktus der Vorlage, und man spürt sofort, daß es bei ihr funktionieren könnte: „Das war gestern Abend so um zwölf, da fühlte ich, dass etwas Großartiges in mir vorging.“ Weg aus der Provinz also, keine Büroarbeit mehr bei ihrem pickeligen Rechtsanwalt, sinnliche Blicke würden künftig für Besseres zum Einsatz kommen als wegen fehlender Kommas im Diktat. Mit glaubhafter Naivität führt Astrid Kohrs sodann die Affären und Enttäuschungen einer erlebnisorientierten Achtzehnjährigen vor, läßt teilhaben an ihren Erkenntnissen, und nur selten kommen dabei die Männer gut weg. Dann jener Einschnitt im Leben der Doris – „ich bin jetzt Künstlerin“, in „einem Stück, das Wallensteins Lager heißt“: ein Kabinettstück für Astrid Kohrs, die hier zwischen den Mädchen vom Konservatorium und der Schauspielschule agiert, kolossal wichtig allesamt, wo alles eine allgemeine Verächterei ist, und nur jeder sich selbst wunderbar findet – eine jener Szenen, wo nur gute Schauspieler vergessen lassen, daß dies alles von einer einzigen Person gespielt wird.
Mit Hingabe zelebriert Astrid Kohrs die verschiedenen Charaktere auf ihrem Begegnungstrip, erzeugt gemeinsame Erwartungen, ja Hoffnungen, die das unstete, enttäuschungsreiche Leben jener hübschen Doris endlich erheben, wenigstens beruhigen könnten. Immer greifbarer, unvermeidlicher werden ihre Kompromisse, die sie dabei einzugehen bereit ist – die Einladungen in vornehme Lokale werden allmählich zur dankbar angenommen Möglichkeit, den Hunger zu stillen, und die Männer im Bett zur Gelegenheit, etwas Geld zu bekommen. Das kurze Glück in einem allzu trauten Heim schließlich zur endgültigen Kapitulation vor all ihren Hoffnungen. „Auf den Glanz“ – mit diesen Worten endet das Stück – „ kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an“.
Großer Beifall für Astrid Kohrs, die mit einer bewundernswerten Darstellung der Doris für einen Höhepunkt der ersten Saisonhälfte im Lindauer Stadttheater gesorgt haben dürfte.