„Currywurst“ beendet Theatertief mit klug-witziger Thematik
Lediglich zwei echte Theater-Highlights sind den Lindauern bisher im Jahr 2007 beschert worden – und die durch Einzelleistungen von Walter Renneisen und Christian Kohlund. Dem Schauspiel „Die Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm gelang es nun wieder, durch ein starkes Ensemble und seine klug-witzige Thematik zu begeistern.
Diesmal scheint der Besuchernachwuchs den besseren Riecher gehabt zu haben als das ältere Stammpublikum: Er stellte einen erfreulich hohen Anteil in einer Aufführung, die viele Theatertugenden auf sich vereinte, die man zuletzt vermisst hatte. Denn wenn es gelingt, eine Liebesgeschichte so unangestrengt mit hässlichen Kriegserlebnissen und kulinarischen Rätseln – in diesem Fall dem Ursprung der Currywurst – zu verquicken, dann ist das schon eine ganze Menge. Kommen allerdings noch eine flüssige Regie und herrlich aufspielende Schauspieler hinzu, dann kann zu Recht wieder von einem rundum erfreulichen Theaterabend gesprochen werden.
Beispiele, wo der Versuch gescheitert ist, eine erfolgreiche literarische Vorlage auf die Bühne oder ins Kino zu bringen, gibt es genügend. Mit seiner Entscheidung, Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ als Theatervorlage zu nutzen, hat der Schauspieler, Regisseur und Autor Johannes Kaetzler jedoch sein Gespür für bühnentaugliche Stoffe und ihre entsprechende Umsetzung untermauert. Vielleicht sollte ja der ungewöhnliche Titel des Stückes gewissermaßen als Appetitanreger für den zeitgeschichtlichen Gehalt dienen, um den es hier ja neben einer Liebesgeschichte vor allem geht. Zwar mag dabei das frühe Schicksal der Currywurst nicht im Zentrum der Neugierde von Menschen stehen, die sich noch Gedanken zur Ernährung machen – originell ist dieser Trick allemal. Man konnte schließlich nicht den zwischenzeitlich populäreren „Hamburger“ bemühen, der ja nachweislich älter als die Currywurst, im Ganzen aber fürs Theaterpublikum dann vielleicht doch zu „abgeschmackt“ ist.
Heesters Enkelin ist der Star
In Hamburg allerdings beginnt die originelle Geschichte, wo es in den letzten Kriegstagen laut und heftig zugeht und ein Bombenalarm den nächsten ablöst. Grund genug für die 40-jährige Lena Brücker, mit dem halb so alten Soldaten Hermann Bremer zum Schutz in ihre Unterkunft zu flüchten; dort teilt sie hinfort Tisch und Bett mit ihm, nicht aber seine zuversichtliche Haltung zum Ausgang des Kriegs, dessen Ende alsbald erfolgt. Dieses jedoch verschweigt sie zunächst, um des unversehens zum Deserteur geratenen Jünglings wenigstens noch eine Weile als Bettgenossen habhaft zu bleiben. Bei all dem lernt man eine Menge über englische Besatzungsbedingungen, den Tauschhandel im Allgemeinen und die Treulosigkeit im Besonderen: denn kaum, dass auch Bremer vom Kriegsende erfährt, packt der wortlos seine sieben Sachen und kehrt heim zu Kind und Gattin. Lena startet durch Tauschgeschäfte ihre Karriere in einem Imbiss-Stand, und weil bei Ausübung dieser Tätigkeit einmal die dafür notwendigen Zutaten zu Boden gehen und sich ganz neu formieren, entsteht das, was wir heute als typischen Geschmack einer Wurst kennen, der bis dahin keinerlei Aufmerksamkeit zuteil wurde: die Currywurst. Zum Reiz und zur nie künstlich wirkenden Besonderheit des Schauspiels gehört es, dass immer wieder Sequenzen eingebaut sind, in denen ein Schriftsteller (Niels Hansen) die Geschichte rückwärts aufrollt, und ihr damit in Interviews mit der zwischenzeitlich 80-jährigen und blinden Lena aktuellen Charakter verleiht.
Saskia Fischer, die Enkelin von Johannes Heesters, ist in dieser Rolle unbestrittener Star einer temporeichen Aufführung, deren Regie es gelingt, die Vielzahl der einzelnen Spielszenen elegant miteinander zu verweben. Vom Locken der einfachen, liebesbedürftigen Frau, die in den ideologischen Verwirrungen aber ihren gesunden Menschenverstand behält, über die Raffinesse, mit der sie den Tauschhandel und ihr Überleben betreibt bis hin zur alten Frau gewährt sie tiefen Einblick in ihr großes, spielerisches Potenzial. Ähnliches spielt sich bei Anja Topf und Ingo Feder ab, die in einer Vielzahl von Rollen und Kostümen ein wahres Feuerwerk gelungener Verwandlungskunst und erfrischender Dialektbeherrschung abbrennen. Kurzum: ein Ensemble, dessen Spielwitz und Spielfreude zu jeder Zeit aufs Publikum überspringt und das nicht zuletzt durch ein herrliches Verkleidungsgelage beim furiosen Finale dazu beitragen wird, wenn dieses Stück die Haben-Seite der Theatersaison erfolgreich auffüllt.