Chor erzeugt eine atemlose Spannung

LINDAU – Es scheint, als würde die Literatur rar, um die der Kammerchor mit seinem Leiter Lutz Nollert einen ehrfurchtsvollen Bogen machen müsste. Denn die hohen musikalischen Hürden in Hugo Distiers Choralpassion erwiesen sich zwar als Herausforderung. Aber man hatte beim Konzert in St. Stephan nie das Gefühl, der Chor bewege sich am Rande seiner Möglichkeiten.

Am Anfang stand die Motette „Das ist je gewisslich wahr“ von Heinrich Schütz. Und schon hatte man eine Vorstellung davon, was Hugo Distier mit dem „packenden Eindruck“ gemeint hat, den auch die Matthäus-Passion seines musikalischen Vorbildes auf ihn gemacht hat. Das war 1932, doch in Lübeck, später auch auf seinen Stationen in Stuttgart und am Ende in Berlin, wo er schließlich Selbstmord beging, formten sich schon die Kräfte, die meinten, Musik wie die seine als „entartet“ bezeichnen zu müssen.

Für die evangelische Kirchenmusik aber leitete Distiers Rückbesinnung auf die äußerliche Sparsamkeit der Mittel eine Zeit ein, in der die liturgisch gebundene Sakralkunst nicht zuletzt deswegen zu neuer Blüte gelangte, weil sie sich dem so hoffähig gewordenen Bombast verweigerte.

Für Chorsänger natürlich eine reizvolle Aufgabe, dies umso mehr, als die Choralpassion ein reines A-Capella-Werk mit lediglich zwei Solisten – Tenor und Bass – ist. Anders jedoch als bei Schütz wimmelt es hier nur so von scharfen Dissonanzen, satztechnischen Raffinessen und gezielt verwendeten, schwer zu singenden Intervallen. Sie erweitern den emotionalen Gehalt dieser verdichteten Passionsgeschichte ganz enorm, verlangen aber Erfahrung bei Dirigent und Sängern, um der rhythmischen, klanglichen und gestalterischen Anforderungen der Partitur Herr zu werden. All diese Merkmale hat sich der Kammerchor im Laufe der Jahre in hohem Maße angeeignet. Diese zeigten sich etwa in den anspruchsvollen und hohen Sopranpassagen, die in ihrer überaus reinen Darbietung für atemlose Spannung sorgten. Sie zeigten sich aber auch in der warmen, fülligen Tiefe der Männerstimmen, wie sie etwa im zweiten Teil der Chorpassage „Sein Blut komme über uns und uns’re Kinder“ gefordert war. Wie groß das sängerische Potenzial des Kammerchores ist, lässt sich auch daran ablesen, dass die Chorsolisten – Paul Kind, Eva Berschl, Thomas Börner, Rudolf Seidel, Hans Geuppert (bewundernswert auch hinsichtlich des Umfanges seines Parts) und Hans Klein – eine Leistung boten, die man mehr als achtbar nennen muss.

Sicher wie ein Traumwandler

Über jeden Zweifel erhaben waren auch die so wichtigen Solisten: Ludwig Thomas, der kurzfristig eingesprungen war und als Evangelist eine in jeder Hinsicht überzeugende Besetzung für diese umfangreiche Tenorpartie war, zumal er der extrem wortgebundenen Melodieführung mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit auf der Spur blieb. Ebenso Christoph Dobmeier, der dem Jesus große Ausdruckstiefe verlieh, ohne ins Kitschige abzugleiten.

So hat Lutz Nollert mit seinem Kammerchor einen Beitrag zur Karwoche geleistet, der dank seiner inhaltlichen Überzeugungskraft, aber auch seiner hochkarätigen Umsetzung passender kaum sein konnte.