Bürgermeister auf Abwegen (Chiemgauer Volkstheater)

Zuverlässiges Zugpferd für die letzten Stunde des Jahres

Einmal mehr erwies sich das Chiemgauer Volkstheater als zuverlässiges Zugpferd für die letzten Stunden des Jahres. „Der Sündenfall“ schöpfte gleichermaßen gekonnt wie ungeniert aus den Ideen, die bereits Kleist für den „Zerbrochenen Krug“ verwendet hat.

So fanatisch, wie da Bernd Helfrich eingangs als Bürgermeister für Sitte, Moral und Ordnung eintrat, war klar, dass dieser Schuss nach hinten losgehen mußte – denn welches Lustspiel hätte je auf solche Möglichkeiten der Schadenfreude verzichtet? Dies umso mehr, als es dabei um einen politischen Würdenträger ging, der sich eh schon als Besitzer seiner Gemeinde fühlt.

Genüsslich wurde dann das tagesaktuelle Repertoire hervorgeholt, mit dem Fehler und Fehltritte vertuscht werden sollen; zwar bestanden die im vorliegenden Fall nur im nächtlichen Versuch, das Fenster einer Baroness zu erklimmen und damit der bayerischen Form des Umwerbens Genüge zu leisten – woran sich der Bürgermeister aufgrund seiner Volltrunkenheit aber nicht mehr erinnern kann.

Wie der anschließende Umgang mit solchen Fehltritten funktioniert, hatte dieser jedoch stets parat: leugnen, vertuschen, ablenken, gegebenenfalls bestechen und irgendwann wieder zur Tagesordnung übergehen. Im Lustspiel kommen dann noch zwei Verliebte hinzu, die einen scheinbar verhängnisvollen Bezug zum „Täter“ haben: Cordula Staudacher mußte als Bürgermeistertochter Standesehre und die Qualen einer autoritären Erziehung miteinander in Einklang bringen, während der ewig lächelnde Rupert Pointvogel als Sohn des Gemeindedieners zwar unter ähnlichem Druck lebt, zuletzt aber doch noch als „Befreier“ auftreten darf. Eine Paraderolle gab es für Egon Biscan, der als Gemeindediener Wandinger die Gefahren,  aber auch die Möglichkeiten jenes „Sündenfalles“ von Bürgermeister Hias stets im Visier behielt und bauernschlau, sympathisch und zu aller Zufriedenheit eine Lösung fand. Um das Ganze auch recht spannend zu halten, durfte der leicht vertrottelte Landpolizist Toni (Abdon Ziegler) zur rechten Zeit meist das Falsche tun.

Mit Marianne Rappenglück war auch die leicht ruppige Bürgermeistergattin gut besetzt, und Edtih Maier verkörperte die adelige Erscheinung eines bedrängten Kurgastes kokett und angemessen. Aus all diesen Elementen hat Sepp Faltermaier ein beschwingtes und temporeiches Lustspiel gebraut, das Egon Biscan routiniert und effektvoll in Szene gesetzt hat. So ist das Vorhaben des Chiemgauer Volkstheaters, sein Lindauer Publikum gut gelaunt in die Silvesternacht zu entlassen, auch in diesem Jahr wieder vollständig aufgegangen.