Charaktervolles Timbre – stimmliche Kraft

LINDAU – Wenn ein Sänger am Morgen eines Liederabends feststellt, dass er gar keine Stimme mehr hat, wird es bedenklich. Doch trotz dieses anfänglichen Handicaps hat der Bariton Thomas Fellner mit seinem Klavierpartner Michael Neunteufel sein Konzert mit erfreulichem Ergebnis absolviert.

Die übliche Veranstalterangst vor allzu geringem Besuch bei Liederabenden war unbegründet. Zudem war das Publikum im Gewölbesaal offenbar so kundig, dass es die erkältungsbedingten stimmlichen Einschränkungen Thomas Fellners sehr wohl von seinen sonstigen Qualitäten unterscheiden konnte. Diese waren in der Tat so offensichtlich, dass Probleme in den Höhen – durch forcierte Stimmgebung meist noch verstärkt – durch gestalterische Ausdruckskraft ausgeglichen werden konnten. Die beiden Künstler hatten dem Hauptwerk des Abends, Robert Schumanns „Dichterliebe“, einzelne Lieder von Haydn, Beethoven und Mendelssohn-Bartholdy vorangestellt. Bereits hier drängten das charaktervolle Timbre und die stimmliche Kraft Fellners eindrucksvoll zur Entfaltung. Unterstützt durch klare Artikulation und eine kontrollierte Körpersprache entwickelte der Sänger eine selbstverständliche Bühnenpräsenz, die zwischen den Liedern immer wieder auch zu Augenblicken vollkommener, beinahe ergriffener Stille im Saal führte.

Der Auftakt mit drei englischen Stücken von Haydn erfolgte kraftvoll und mit großem Stimmvolumen, Beethovens vier Goethe-Lieder deuteten dann ein wenig zögerlich den stimmlichen Facettenreichtum an, der schließlich in der „Dichterliebe“ am überzeugendsten zum Durchbruch kam. Thomas Fellner vermied dabei allzu plakativen Schmerz, wich allerdings auch dem verborgenen Humor in diesen Heine-Texten (etwa „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“) aus.

Rundum überzeugend spielte indes Michael Neunteufel seinen Part am Klavier. Einfühlsam, nie dominant, aber stets dicht an der textlichen Diktion bestimmte er immer stärker das musikalische Geschehen mit. Dabei vollbrachte er das Kunststück, die natürlichen Schwächen, die der Hospital-Flügel gegenüber einem Konzertflügel hat, weitgehend vergessen zu machen. So vergaß der Sänger am Ende auch nicht, eines der drei Schumann-Zugaben seinem zuverlässigen Partner Neunteufel zu widmen.