Cécile Verny Quartett

Glückliches Lindau!  Mit dem, was allein in den letzten zehn Tagen an kulturell Schwergewichtigem aufgefahren wurde, könnte manche Stadt gleicher Größe ihr ganzes Jahresprogramm bestreiten . Daran hat nicht zuletzt der Jazzclub seinen Anteil, der jetzt mit dem Cécile Verny Quartett sogar das Zeughaus mühelos füllen konnte.

Wenn gleich zwei beteiligte Vereinsvorsitzende anwesend sind und einen solchen Abend angemessen einführen wollen, kann es für Publikum und Musiker schon einmal etwas länger dauern. Immerhin durfte man dabei erfahren, dass das leidige Problem allzu niedriger Raumtemperaturen durch das Engagement einer Tettnanger Brauerei behoben werden konnte; gefreut hat man sich auch über Herbert Kiefer, der dem immer wieder gehörten Vorwurf, es sei nichts los in Lindau, mit einem feurigen Plädoyer für die Lektüre der Tageszeitung entgegen getreten ist, wo man sich tagtäglich vom Gegenteil überzeugen könne.  

Bald aber stand dann doch die Musik im Mittelpunkt, und das – wie sich schon beim ersten Instrumentalstück eindrucksvoll herausstellen sollte – zurecht. Bereits ohne die bekannte Sängerin, die dann ab dem zweiten Stück dabei war, ließ sich der wahrlich einnehmende Grundcharakter dieser Musik schon jetzt ablesen:  dezent, aber improvisationsfreudig; klangbewußt, dabei stets mit einer latenten Neigung zu komplexen Soli ausgestattet, die sich aber geradezu provozierend unspektakulär gaben. Das abwechslungsreiche Repertoire des Cécile Verny-Quartetts stammt in der Regel aus eigener Feder, wobei der Löwenanteil von Bassist Bernd Heitzler und Pianist Andreas Erchinger kommt. Letzterer ließ sich insbesondere von Gedichten des angehenden 19. Jahrhunderts inspirieren, aber auch Heitzler und die Sängerin selbst griffen gerne auf solche Gedichte zurück. Dies verleitete Cécile Verny bei ihren zahlreichen humoristischen Beiträgen schon mal zu der Bezeichnung „Literarisches Quartett“. Doch gerade im Mittelteil dieser Gedichte entwickelten sich musikalisch aufregende Sequenzen und improvisatorische Ausflüge, die jedes Jazzerherz höher schlagen ließen.  Als geradezu kammermusikalisches Highlight kam „Move!“ einher, das den hervorragenden Schlagzeuger zu den fantasievollsten Figuren verführte, die er dann bei einem späteren Soli zu noch größerem Einfallsreichtum ausbaute.

Doch inmitten all der spielerischen Klasse war es vor allem Cécile Verny, die das Konzert mit ihrem gefühlvollen, jazzverhangenen, durchaus auch mit stimmlichen Experimenten spielenden Timbre geprägt hat. Ihr sympathisch vorgetragener Hinweis auf zwei wichtige, erst jüngst eingeheimste Preise war nur Bestätigung für diesen Eindruck. Die Sängerin von der Elfenbeinküste sang französisch und englisch und vermischte schon mal das Ganze mit afrikanischen Idiomen. Mucksmäuschenstill wurde es im Zeughaus, als sie die karge, so berührende Version zum Thema „Mischling“ sang – nur Handtrommel, Bass und Klavier waren dabei ihre Begleiter. Auch bei der basstriefenden Ballade voller Tiefe, „On Another’s Sorrow“, stellte sich diese Reaktion ein. 

Schließlich war es tatsächlich nur ein einziger Standard, nämlich Cole Porters „I’ve Got You Under My Skin“, den das Cécile Verny-Quartett in einer ganz eigenständigen Version zu diesem Konzert beisteuerte – und niemand wird das angesichts der Qualität der gehörten Eigenkompositionen  bedauert haben. Denn auch so war für die begeisterten Zuhörer klar: Es war wieder einmal ein großer Jazzabend!