Schrille Verkleidungsorgie
Allzu üppig waren die Hinweise nicht, die von der Travestie-Show „Carte Blanche“ kündeten. Gleichwohl fanden sich etwa vierhundert Zuschauer im Stadttheater Lindau ein.
Seit das mit „Mary und Gordy“ nichts mehr ist, tun sich gleichgesinnte Nachahmer schwer, deren Popularität und Anziehungskraft zu erlangen. Es ist wie beim Tennis: Egal, wie gut eventuelle Nachfolger sind, eine Garantie für volle Häuser boten letztlich nur Steffi und Boris. Insofern darf der Besuch bei „Carte Blanche“ als durchaus akzeptabel gelten. Die sieben unermüdlichen Akteure schienen diese Eigenschaft auch beim lebhaft mitgehenden Publikum vorauszusetzen, war doch das Programmende erst auf dreißig Minuten vor Mitternacht festgesetzt.
Demjenigen, der nur Zeuge des ersten Teiles war, bot sich erwartungsgemäß eine bunte Mischung all dessen, was zum Reiz solcher Travestieshows gehört. Schlüpfrige Witze, die um den Status des Kalauers buhlen, eine umwerfende Verkleidungsorgie, meist gewonnene Kämpfe um die Glaubhaftigkeit bei den Playback-Stücken und über all dem die merkwürdige Erotik dieser Männer, die doch viel lieber Frauen wären. Fast alle hatten sie Beine, die wohl mancher Frau im Saale zur Ehre gereicht hätten, von den (überwiegend) schlanken Hüften ganz zu schweigen. Einer durchkreuzte gar die ursprünglichen Absichten der Natur in Sachen Brust so gründlich, dass man ob ihres Umfanges gar nicht mehr so recht an seine ursprüngliche Männlichkeit glauben wollte.
Beredt, forsch und ein wenig unverschämt stellten sie sogleich den Kontakt zum Publikum her, das der ständigen Aufforderung zum Applaudieren und Mitklatschen brav und begeistert nachkam. Dies wurde dann mit jener bewährter Travestie-Erotik und einer geschickten Auswahl altbewährter Schlager und Rock-Klassiker belohnt, so dass die gute Stimmung im Saal ihren freien Lauf nahm. Durch gelegentlich umwerfende Parodien – beispielsweise die auf Nana Mouskouri – wurde diese auf erstaunlich hohem Level gehalten. Nur einmal wurde man mit einem alles andere als stimmungsheischenden Chanson daran erinnert, dass sich hinter der ausgelassenen Bühnenfröhlichkeit Männerschicksale verbergen, die oft weniger lustig sind als es dieser lange und laute, manchmal ziemlich schrille Abend vermuten ließ.