Überraschendes und allerlei Anregungen zu Tage gefördert
Eine originelle Deutung von Shaws beinahe vergessener „Candida“ bot die „Münchner Tournee“ im Stadttheater. Werden die überaus fachmännischen Eingriffe ihr künftig größere Aufmerksamkeit bescheren?
Reich illuminiert war der Behandlungsraum, viel Platz gab’s für Phantasie und bedeutungsschwere Spielebenen – kein Zweifel: Dieser Candida sollte gründlich zu Leibe gerückt werden. Helmut Polixas Regiekonzept setzte nicht auf eine monumentale Pastorengestalt, einen entrückten Poeten und eine engelsgleiche Candida, die reihenweise Herzen entflammt, um am Ende ihre schicksalsschwere Entscheidung zugunsten „des Schwächeren“ zu treffen.
Schon die Darstellung der Titelrolle durch Cordula Trantow bediente sich kaum jener Attribute, die das Außergewöhnliche und Hinreißende dieser Bühnenfigur hätten nahelegen können: Da war eine Frau, die eigentlich etwas überzogen wirkt, einen leicht affektierten Gang pflegt und sich einsichtig dem Tatbestand fügt, mit ihrem Alter demnächst nicht einmal noch kokettieren zu können. Das feurig Entschlossene ihres dichtenden Liebhabers (hervorragend: Michael Rast) wird also vermutlich nicht nur auf sie, sondern auf ihre erfolgreiche Eroberung abzielen. Fast ergreifend wird sie danach mit Mozarts Fiordiligi-Arie leiden „Hab Mitleid, mein Liebster, verzeih die Schwäche einer liebenden Seele“, und einigen Gläsern Rotwein wird es später gelingen, weiteren Trost zu spenden.
Joachim Bliese als viel beschäftigter Pastor läßt in seiner Darstellung genügend Raum für seine Einsicht, daß einige dieser Aktivitäten schnöder Eitelkeit entspringen; er markiert nicht den unersetzlichen Wichtigtuer und starrhalsigen Rechthaber, sondern jenen Typ von Workaholic, der sich ohne fremde (oder nahe?) Hilfe kaum aus diesen Verstrickungen wird befreien können. Auch auf ihn wird dieser Satz zutreffen: „Es ist so leicht, das Selbstvertrauen eines Mannes zu erschüttern.“
Ansonsten: Marylin Monroes „l wanna be loved by you“ bezieht sich auf jede mögliche Bühnenpaarung, und so wird auch „Tippse“ Prosperine (Monika Praxmarer) zum Kussempfänger beider männlicher Protagonisten. „Wir alle sehnen uns nach Liebe“ bleibt demnach als Motto jederzeit wirksam, das Helmut Polixa zum Handlungsmuster des Stückes erklärt hat. Er verzichtet auf die unergiebige Ausgestaltung der Candida-Geschichte, ohne freilich mit dem neuen Vorsatz, den Charakterstudien der vier Handlungsträger seine ganze Sorgfalt zu widmen, ein überwältigendes Aha-Erlebnis zu schaffen. Er zieht mit diesem Ansatz das Publikum über weite Strecken in Bann, fördert Überraschendes und allerlei Anregungen zu Tage – die Kraft für einen Theaterabend, den man um jeden Preis weiterempfehlen möchte, scheint aber auch diese Candida nicht aufzubringen.
Als Produktion jedoch, die es mit überzeugendem Licht- und Toneinsatz, überlegter Personenführung und einem in sich stimmigen Regiekonzept gewagt hat, den „Versuch einer Annäherung an ein vergessenes Stück“ zu machen, hat sie sich zu den Aufgaben und der Verantwortung des Theaters bekannt.