LINDAU – Von Jahr zu Jahr vergrößert sich die spielerische Bandbreite der Lindauer Bläsergruppe. Wie die Sommerserenade in St. Stephan gezeigt hat, wächst in gleichem Maße auch die Anzahl der Zuhörer. Mit Fliege und weißem Hemd gab sich die Lindauer Bläsergruppe in ihrem Jahreskonzert auch äußerlich professionell und ganz im Stile großer Brass-Ensembles.
Wie man das mittlerweile schon erwartet, begannen die Bläser mit einer festlichen Fanfare. Sie wurde zum Auftakt für ein Konzert, das zunächst mit drei doppelchörigen Werken alter Meister durch große Klangpracht imponierte. Zur Unverwechselbarkeit dieser Bläsergruppe gehören auch die Ausführungen zur Entstehungsgeschichte ihrer Werke, die Andreas Baumann mit profundem Hintergrundwissen vortrug. Das jährlich wachsende Publikum scheint diese Darbietungsform zu lieben und hat das mit einem überaus großen Besuch in St. Stephan honoriert.
Einen originellen, nicht ganz unproblematischen Beitrag zur Bearbeitungsfreudigkeit bei solchen Bläserkonzerten lieferte Vivaldis Konzert für Flautino und Orchester, das hier für Piccoloflöte und 15 Blechbläser erklang. Auch wenn sich Cornelia Baumann erfolgreich und gekonnt gegen die geballte „Blechlawine“ durchsetzen konnte, so hat dieses Arrangement den Wunsch nach der ursprünglichen Streicherbesetzung kaum zurückdrängen können – zu dicht war oft das Stimmengestrüpp in den beiden Ecksätzen.
Dankenswerterweise hat sich Baumann in diesem jubiläumsreichen Jahr auch des 200. Todestages eines weniger prominenten Musikers erinnert und vier schlichte, aber wirkungsvolle Stücke zu Gehör gebracht, die aus der Feder von Johann Michael, dem jüngeren der beiden Haydn-Brüder stammen.
Vor diesem Hintergrund dürfen die drei lyrischen Stücke und zwei Sätze aus der Holberg-Suite fast als Vorgriff auf ein weiteres Musiker-Gedenkjahr gelten: Nächstes Jahr muss auch der 100. Todestag von Edward Grieg würdig begangen werden. Mit einer überzeugenden Bearbeitung, wo insbesondere die Tiefen der Posaunen großen Eindruck machten, hat die Lindauer Bläsergruppe einen guten Anfang gemacht.
Im berühmten Gospel „Sometimes I feel like a motherless child“, das Andreas Baumann in drei verschiedenen Arrangements vorstellte, erfüllte sich der Anspruch nach einer gelungenen Adaption für Blechbläser besonders überzeugend. Die spielerische Versiertheit und das Gefühl für dynamische Unterschiede der Lindauer Bläsergruppe wurden hier besonders augenfällig.
Publikum belohnt mit Beifall
Mit einer deutlich anderen Tonsprache aus der Feder des 1960 geborenen Mathias Drude wurden die Qualität und das Können dieses Ensembles noch einmal hörbar: Rhythmische Vertracktheiten, schräge Intervallsprünge und klangliche Ausgewogenheit wurden in den „Vier Bagatellen“ souverän gemeistert und mit reichem Beifall belohnt.
Nach über 100 Minuten ohne Pause ging auf diese Weise ein anspruchsvolles Bläserkonzert samt Zugabe zu Ende, das die Musiker – und angesichts der Hitze und Länge des Konzerts wohl auch manchen Zuhörer – stark gefordert hatte.