Besuch bei Mr. Green (1998) (Jeff Baron)

Vom müden Abtauchen, wenn’s unbequem wird

So kann es weitergehen:

Auch das dritte Stück der laufenden Theatersaison erwies sich als Treffer, der skeptische „Quereinsteiger“ zur Überprüfung möglicher Vorurteile veranlaßt haben dürfte. Der „Besuch bei Mr. Green“ war überaus lohnenswert, und mit ihm der Besuch des Theaters.

Dem Erstlingswerk des (homosexuellen) Amerikaners Jeff Baron gelingt es mühelos, jüdische Identität, Homosexualität, Altersstarrsinn und die Folgen von Vorurteilen zu einem handlichen Paket zu schnüren. Daß er damit bequemen Eingang durch manch hehre Theaterpforten schafft, beweist der anhaltende Erfolg des Stückes seit seiner Uraufführung im letzten Jahr.

Da gibt es also die darob verstoßene Tochter Sarah, die einen Nichtjuden zu heiraten sich erdreistete, und jenen Ross Gardiner, der mit dem Bekenntnis, homosexuell zu sein, ein weiteres Mal das Weltbild des jüdischen Witwers Mr. Green zu erschüttern weiß. „Sie und Sarah machen dort weiter“, fällt ihm dazu ein, „wo Hitler aufgehört hat.“ Starker Tobak.

Doch ehe es soweit kommt, vollführen die beiden Schauspieler – der junge Nils Weyland und Elert Bode – ein wahres Lehrstück darüber, weshalb jung und alt oft nicht miteinander können. Elert Bodes Darstellungskunst macht den Mr. Green zu einem pantoffelschlürfenden, mißtrauischen Ekel, der jedes Eindringen in seine hadernde Welt als persönlichen Angriff wertet. Und ständig tauchen jene immer gleichen Elemente auf, die man diesen Alten so gerne austreiben möchte – das müde Abtauchen, wenn’s unbequem wird; das virtuose Geschlürfe, das man wie einen schlabbernden Orden vor sich herträgt; und der ständige Hinweis, daß man 48 Ehejahre lang keinen Streit hatte, man ohnehin keinem trauen könne und alles viel zu teuer sei.

Da bedurfte es einer zwingenden Figur wie derjenigen des Nils Weylands, der leidenschaftlich, geduldig und mit Unbeirrbarkeit den Alters- und Judendünkel Mr. Greens zu attackieren und schließlich für neue Einsichten zu öffnen weiß. Es ist vermutlich gar nicht so einfach, diese Rolle vor Einseitigkeit zu schützen und sie somit nicht ins Plakative zu führen. Nils Weylands Bekenntnis zur Homosexualität und deren Folgen im Alltag und sein Einsatz gegen erschreckende Vorurteile seines Gegenübers ließen den Schauspieler jedoch als Ideal für diese Charakterrolle erscheinen. So entwickelte sich die spürbare schauspielerische Lust der beiden am gegenseitigen Weichmachen zu einem packenden Dialog von ungeheurer Authentizität.