Bei der Ausstattung der Bücherei bildet Lindau das Schlusslicht Bayerns

LINDAU – Seit Mitte September ist Ludger Bült-Albers Leiter der Lindauer  Stadtbücherei. Die Oberbürgermeisterin und das Kulturamt knüpfen an den 43-Jährigen hohe Erwartungen. Unser Mitarbeiter Winfried J. Hamann hat mit ihm gesprochen. 

LZ: Wenn man Ihre letzten beruflichen Stationen ansieht, drängt sich die Frage auf, was Sie an Ihrer neuen Aufgabe, die ja verglichen mit Berlin j in der Provinz liegt, reizt.

Bült-Albers: Nach über 20 Jahren Berlin reizt der Kontrast. Im Übrigen ist Provinz überall, das gilt gerade für Berlin. Das nehmen die Nicht-Berliner natürlich anders wahr. Aber ich habe in zehn Jahren Westberlin, fünf Jahren am Brecht-Haus im früheren Ostberlin und bei der journalistischen Arbeit für den Mitteldeutschen Rundfunk genug Provinzialität erfahren, um nicht arrogant auf eine Kleinstadt schauen zu müssen. An Lindau entspricht mir sehr die geografische Randlage. Nordhorn, meine Geburtsstadt, ist nur unwesentlich größer und liegt an der holländischen Grenze. Natürlich spielt auch die familiäre Situation (ich habe drei Kinder, 2,4,14 Jahre) eine Rolle.

LZ: Was war Ihr Eindruck, als Sie den ersten Gang durch die hiesige Stadtbibliothek machten?

Bült-Albers: Zunächst war da der optische Eindruck eines sehr schönen Raumes in einem historischen Gebäude. Dann die sinnliche Wahrnehmung der Nase: Es roch eindeutig nach Sauerkraut, Marinade und Geselchtem statt nach altem Papier. Und dann zeigte sich bei einem zweiten Blick, dass der Raum für eine Stadtbücherei viel zu klein und deutlich von einem veralteten Buchbestand geprägt ist. Zum Ersteindruck gehört aber auch die wunderbare und offene Aufnahme, die ich von den Mitarbeiterinnen des Hauses und Kollegen bei der Stadtverwaltung erfahren habe.

LZ: Lindau hat ein reiches und vielfältiges Kulturleben. Welche kulturelle Bedeutung messen Sie der Stadtbücherei bei?

Bült-Albers: Eine Stadtbücherei leistet kulturelle Grundversorgung. Sprache in allen lautlichen Ausprägungen und Lesen gehören zu den ersten kulturellen Erfahrungen, die Menschen machen. Eine Bücherei hat hier eine wichtige Funktion hinsichtlich jedweder Bildung im weitesten Sinne – und zwar für alle Bevölkerungsschichten. Gleichzeitig ist eine moderne Bücherei nicht allein ans Buch gebunden. Sie muss genauso Gewicht auf die Entwicklung von Medienkompetenz legen. Heute konkurrieren verschiedene Medien miteinander. Die Basis ist für mich immer noch das Wort, die Sprache, das kommunikative Lachen und Sprechen. Aber genauso muss eine Bücherei das tun, was der Buchdruck vor 500 Jahren auch gemacht hat: die modernen Kommunikationsmittel bereitstellen und anwendbar machen. Ohne das Buch ist das Theater nicht denkbar. Ohne Drehbuch gibt es keine Filme. Und ohne den Zugang zu Bildung und Informationen ungeachtet aller sozialen Schranken ist ein demokratisches Gemeinwesen nicht denkbar. Im Übrigen gehört als Aspekt dazu: Wo bekommen Kinder und Jugendliche kostenlos und Erwachsene für den Jahresbeitrag von 20 Mark einen derartigen Fundus an Kultur- und Unterhaltungsgut wie in einer Bibliothek?

LZ: Gibt es literarische Schwerpunkte, die Sie gerne setzen würden?

Bült-Albers: Ich würde die Frage gar nicht so sehr auf die Literatur eingrenzen. Natürlich habe ich literarische Vorlieben, die mich geprägt haben. Das ist insbesondere die Literatur des deutschsprachigen Exils nach 1933, aber genauso der amerikanische Kriminalroman oder ein katholischer Außenseiter wie Julien Green. Aber die Literatur umfasst nur 50 Prozent des Bestandes einer Stadtbücherei. Eine moderne Stadtbücherei muss ein Lernort sein und sich dem gesamten Wissensbedarf einer Gesellschaft verpflichtet fühlen. Hier hat die Lindauer Stadtbücherei einen riesigen Nachholbedarf. Um ein Beispiel zu nennen: In wenigen Monaten wird der Euro eingeführt. Hierzu finde ich in der Stadtbücherei keine Informationen. Oder nehmen wir den Staat Usbekistan. Vor zehn Jahren hätten Sie und ich nicht für denkbar gehalten, dass in einem Teil der ehemaligen Sowjetunion amerikanische Flugzeuge‘ stationiert werden. Unser Länderlexikon oder der Brockhaus stammen aus dem Jahr 1976. Islam? So gut wie kein Bestand in der Stadtbücherei. Wie soll man damit Schülern beim Referateschreiben beistehen? Beziehungsweise bei Lebensfragen, denn das Zusammenleben von Christen und Moslems ist doch ein brennendes Thema, das auch an Lindau und dem Landkreis nicht vorbeizieht. Von der technischen Entwicklung ganz zu schweigen; die modernen Naturwissenschaften, Lehrstoff an den Schulen, sind hier kaum existent. Sie sehen, es ist nicht so sehr eine Frage nach meinen Vorlieben, die mich umtreibt, als die der objektiven Erfordernisse, die für sich schon Schwerpunkte setzen.

LZ: Bücher haben es immer schwieriger, sich bei Kindern und Jugendlichen gegenüber Computer und Fernseher zu behaupten. Welches Rezept kann da eine Stadtbücherei anbieten?

Bült-Albers: Diesem Eindruck kann ich nur eingeschränkt zustimmen. Selbst mit dem veralteten und teilweise wie von Mäusezähnen bearbeiteten Buchbestand erreicht die Lindauer Stadtbücherei enorm hohe Ausleihzahlen bei Kindern und ihren Eltern. Das Problem, das Sie meinen, ist vor allem ein Problem bei Jugendlichen und Männern. Hier gilt es, Schwerpunkte zu setzen und den selbstverständlicheren Umgang dieser Zielgruppe mit modernen Medien zu integrieren. Das hat wiederum positive Rückwirkungen auf das Leseverhalten. Moderner Bibliotheksarbeit geht es um die Entwicklung von Medienkompetenz und nicht darum, Medien gegeneinander auszuspielen. Im Gegenteil: auch das Fernsehen hat das Buch nicht verdrängt. Wir benutzen unsere Internetplätze zum Beispiel für Recherche von Büchern, die in Lindau oder Bregenz nicht vorhanden sind. Das Hörbuch ist ein gutes Beispiel, dass eine veraltet erscheinende Technik plötzlich in Verbindung mit dem Buch einen Boom erfährt. Leider haben wir keine. Aber das wird sich hoffentlich bald ändern.

[…]

LZ: Wenn Sie eine Prognose über den Zustand und die Bedeutung der Lindauer Stadtbücherei für das Jahr 2005 abgeben müssten – wie würden die lauten?

Bült-Albers: Eine Prognose wage ich nicht. Aber ich hoffe, dass die Stadtbücherei den üblichen Standard erreicht und die Akzeptanz von den politischen Gremien erfährt, die sie bei den Bürgern ja weitgehend hat. Über 2300 Lindauer sind zurzeit bei uns eingeschrieben. Mit neuen Medien und Mitteln können wir diese Zahl noch steigern. Ich hoffe weiterhin auf eine kurzfristige Verbesserung der Kinderabteilung, die nicht kindgerecht eingerichtet ist. Und dann wäre ein Wunsch, ein Angebot für Jugendliche zu schaffen. Man kann heute 13-, 14-Jährige nicht an den Bilderbüchern vorbei zu ihren Themen und Interessen leiten. Als Konsumenten sind sie Teil der Erwachsenenwelt und werden als solche umworben. In Schule und Bücherei ist es weit schwieriger, ein adäquates Angebot für ihr oft hormongesteuertes Chaos zu platzieren. Aber es ist notwendig, auch für uns selber, damit wir nicht in unsrer Erwachsenenwelt verkrusten.

LZ: Sie haben im Zusammenhang mit der Stadtbücherei einen Wunsch an die Stadt, einen an die Bürger und einen für sich frei. Welche wären das?

Bült-Albers: An die Stadt den Wunsch, jetzt mutige Wege zu beschreiten und in die Zukunft – übrigens auch der Insel – zu investieren. Auch in qualitativen Tourismus. Gäste aus Kanada und den USA haben in den letzten Wochen nach den Terroranschlägen zum Beispiel unsere Internetplätze intensiv genutzt, um von Lindau aus mit ihren Angehörigen zu kommunizieren. In alten Unterlagen habe ich gelesen, dass der Stadtrat 1985 die jetzigen Räume als „Übergangslösung“ bezeichnet hat. Die Übergangslösung dauert seitdem an und verhindert notwendige Entwicklungen. An die Bürger richte ich den Wunsch, dass sie weiterhin in Scharen die Bücherei nutzen und dem leisen Lesegenuss eine kräftige Stimme im kommunalen Chor der Interessen verleihen. Für mich persönlich wünsche ich mir, dass meine Kinder in Lindau einen Ort finden, der ihre kreativen Möglichkeiten und ihre unbändige Neugier auf das Leben aufnimmt und erweitert.