Aus himmlischen Höhen und öden Hotelzimmern
Die originelle Zusatzerklärung „Mehr als ein Stück“ zu Michael Frayns „Ping Pong“ war quantitativ gemeint: insgesamt sechs Sketche lieferte die „Komödie am Kurfürstendamm“ zum eigenen und zum Vergnügen des zahlreichen Publikums ab.
Ein wenig bedrohlich wirkt der anfängliche Lichtstrahl auf den geschlossenen Vorhang schon: meist kündet er in solchen Fällen von Indisposition, Verspätung oder Ausfall eines Darstellers. In diesem Fall aber übermittelt Ursela Monn höchstselbst Grüße aus der Hauptstadt, gibt zwei, drei Hinweise auf das Stück und verteilt artig Komplimente ans geneigte Lindauer Publikum, das ja bekanntlich das beste auf der Welt ist. Naja.
Doch dann beginnt der Spaß, und der ist deshalb so groß, weil Michael Frayn Alltagsbeobachtungen so schön verdichtet und weil ein gut aufgelegtes Schauspielerquartett eine Menge Funken daraus schlägt. Und – mit Verlaub – die stammen trotz des erhöhten Beifalles für Ursela Monn gleichmäßig von Matthias Zahlbaum, Susanne Eisenkolb und Romanus Fuhrmann.
So wirkt der erste Sketch mit dem geheimnisvollen „Ping“ wie ein kritischer Beitrag zum CeBit-Start: tausend Alltagsgeräte, die mit unterschiedlichen Tonsignalen um Aufmerksamkeit heischen und dabei gepflegt, beachtet, bedient und vor allem verstanden sein wollen – am Ende aber die Erkenntnis, daß die beabsichtigte Erleichterung just zum Gegenteil führen und die übertriebene Dominanz von Technik jede normale Kommunikation töten kann. Szenenapplaus gibt’s bei dem vergeblichen Versuch, den Vortrag eines Geschäftsberichtes mit den Geboten der Höflichkeit, dem Zwang zum Klatschen und dem verdienten Sekttrinken in Einklang zu bringen: Loriot in seiner Steigerungsform.
Eine schöne Idee ist es auch, den unsäglichen Beschallungseifer mancher Veranstalter in eine Vernissage zu verlegen, wo die Fragen und Antworten der Anwesenden aufgrund der Lautstärke keinerlei Bezug mehr zueinander haben. Das ist dann nicht nur komisch. Immerhin erzeugen so viele überflüssige „Worte in Gottes Ohr“ – so der Name des dritten Stückes – ein geradezu schadenfrohes Lachen aus himmlischer Höhe und den Wunsch nach einem kosmischen Lautstärkeregler.
Ein übles Spiel entwickelt sich aus der Schwierigkeit, nur noch mit Anrufbeantwortern kommunizieren zu können. Auch in diesem Sketch bringen die Schauspieler weit größeren Einsatz, als solche Nummern es normalerweise erwarten lassen.
Ein Glanzstück für alle Beteiligten ist schließlich der Aufenthalt im Hotelzimmer. Der Zuschauer stimmt dabei bei den Paaren, die einander nicht sehen können, zu, wenn sie die Gleichförmigkeit aller Hotels dieser Welt beklagen.
Es ergötzt ihn, auch der Gleichförmigkeit ihrer Gespräche zuzuhören – und er nimmt verständnisvoll zur Kenntnis, daß gewisse Verhaltensweisen in Partnerschaften so ungewöhnlich gar nicht sind.
Am Schluß nimmt „Ping Pong“ den Faden wieder auf, der von Beginn an gespannt blieb und auch dadurch Garant für einen gut gemachten, manch Ärgernisse der Zeit behandelnden Theaterabend blieb.