LINDAU – Über regen Besuch konnten sich Wilfried Bergmann und sein Collegium Musicum bei ihrer ersten Passionsmusik in der Lindauer St. Ludwig-Kirche freuen. Die kleine Besetzung mit Solisten und dem lediglich dreifach besetzten Capellchor kam wohl dem Klangbild nahe, das Bachs Zeitgenossen seinerzeit in Köthen und später in Leipzig umgab.
Nicht nur eine instrumentale Choralbearbeitung, sondern auch das gesprochene Evangelium zu den Bach-Kantaten 22 („Jesu nahm zu sich die Zwölfe“) und 23 trugen diesmal zum tieferen Verständnis dieser musikalischen Passionsstunde bei. Überdies gab die Verwendung eines Altus, dem Heidelberger Thoma Dilger, eine Vorstellung von der damaligen Aufführungspraxis. Ihm zur Seite standen die Ulmer Sopranistin Anita Steuer mit ihrer warmen Stimme, der kräftige und klangschöne Bass von Christian Höppler sowie der etwas schmale Tenor von Stefan Heidweiler. Mit ausgewogenem Stimmenanteil und auffallender Artikulationsklarheit präsentierte sich einmal mehr das Collegium Vocale, das Wilfried Bergmann souverän, durch die Partitur führte.
Prächtiger Klang
Zwischen den beiden Kantaten erklang die Motette „O Jesu Christ, meins Lebens Licht“, die in St. Ludwig einen prächtigen Klang entfaltete, obwohl dafür nur die vier Solisten und ein Dutzend Sängerinnen und Sänger zur Verfügung standen – was für erstaunliche Textverständlichkeit sorgte.
Für die Leipziger Stadtväter waren die beiden Kantaten Bachs so etwas wie „Bewerbungsunterlagen“ – nicht auszudenken, welcher Blamage vor der Musikgeschichte sich die damaligen Entscheidungsträger ausgesetzt hätten, wenn sie den Musiker aus Köthen (der ohnehin nur zweite Wahl in diesem Verfahren war) abgelehnt hätten. Dass es angesichts dieser großartigen, an musikalischer Dichte kaum zu überbietenden Musik allerdings ziemlich schwer gewesen sein dürfte, Bach abzulehnen, hat dieses Passionskonzert eindrucksvoll vor Augen geführt. Einen entscheidenden Anteil, das inhaltliche Anliegen kenntlich zu machen und Bachs unerreichter Satzkunst auch den nötigen Ausdruck zu verschaffen, hatte das Streichorchester mit den beiden glänzend besetzten Oboen. Ein Posaunenensemble mit dem selten zu hörenden Zink tat ein Übriges.