LINDAU – Rund dreihundert Jahre umfasste die musikalische Strecke, die Özgür Aydin am Flügel bewältigte. Wo immer er dabei zwischen Barock und Moderne haltmachte: es schien ihm jede Station höchst vertraut.
Wenn heftige Regengüsse einem allzu vollen Haus im Wege stehen, kann sich eine sogenannte „Konzertpatenschaft“ segensreich für den Veranstalter auswirken. Diesmal war es eine Steuerberatungsgesellschaft, die dem „Internationalen Konzertverein Bodensee“ zur Seite stand. Wobei Özgür Aydin durchaus jener Pianistengarnitur zuzurechen ist, die zu unterstützen auch einem Sponsor zur Ehre gereicht. Es war ein ausbalanciertes und beziehungsreiches Programm, das der türkische Pianist nach Lindau mitbrachte. Mit Bachs 6-sätzigem Capriccio „über die Abreise des geliebten Bruders“ ermöglichte Aydin die Begegnung mit einem wenig gespielten, dabei überaus gehalt- und gefühlvollen Werk des Thomaskantors; präzis, ausdruckstief und mit bewußter Gestaltung dieser frühen „Programm-Musik“ gab er erste Proben seines pianistischen Kalibers.
Die Es-Dur-Sonate des 17-jährigen Mozart mit seiner ungewöhnlichen Satzfolge zelebrierte Aydin mit sinnlicher Eleganz und ohne jeden Anflug von süßlicher Verklärung. Das verhalf dem Werk zu erhabener Wirkung, die sich zwischen den beiden ersten Sätzen in atemlose Stille im Saal verwandelte. Schuberts „Drei Klavierstücke D 946“ verführten den Künstler zu agogischen Raffinessen, und fast schien es, als könne ihnen dabei sogar der wertvolle Flügel nicht in jeder einzelnen Phase auf der Spur bleiben.
Aus dem Jahr 1999 stammte „Tone Alleys“ des israelischen Komponisten Ben-Zion Orgad. Das tonal gehaltene Werk wirkte durch seine rhythmische Ausprägung und motivischen Überlappungen, die häufig in unaufgelösten Akkorden endeten; seinen besonderen Effekt erhielt es zudem durch den direkten Übergang zu Liszts „Deux Chants polonais de Frederic Chopin“, die Özgür Aydin leichtläufig und mit kontrolliertem Tempo zu gestalten wußte. Gleiche Merkmale gab es dann auch im Schlußstück zu bewundern, der „Fantasia baética“ von Manuel de Falla. Trotz einer Vielzahl technisch anspruchsvollster Passagen blieb der klangliche Farbenreichtum und die oftmals eruptive Kraft dieser Komposition stets im Blick. So blieb der Eindruck eines Pianisten, dem die musikalische Ausleuchtung des Notentextes weit mehr am Herzen liegt als das Blendfeuer pianistischer Knaller – auch wenn er davon als Zugabe noch einen aus der Tasche geholt hat.