Arbeitslosencamp überzeugt mit Satire
Mit dem Stück „Schule der Arbeitslosen“ hat das Kulturamt nicht nur prominente Schauspieler verpflichtet, sondern auch ein brisantes gesellschaftliches Thema aufgegriffen. Es wurde ein packender Theaterabend – rundum geglückt war er dennoch nicht.
Darsteller wie Dietmar Mues, Nina Petri oder Gilla Cremer sind vermutlich viel beschäftigte Menschen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es auch in deren Branche üblich geworden ist, seinen Lebensunterhalt auf mehrere Einkommensquellen zu verteilen. Am liebsten steht man natürlich auf der Bühne, doch wenn daneben noch Film-, TV- oder Hörbuch-Produktionen, Lesungen oder Synchronsprechen winken, dann sind das wohlfeile Mittel, um im heutigen und späteren Alltag weniger Sorgen zu haben. Denn die Konkurrenz ist groß, und die Tage, wo allein das schauspielerische Können eine Garantie für große Rollen und ständiges Engagement ist, sind auch in diesem Gewerbe längst vorbei.
Thomas Ebermann, in Hamburg vermutlich mehr als Alt-Grüner denn als Regisseur bekannt, präsentierte also den genannten Schauspielern die ebenso geistreiche wie reizvolle Bühnenfassung des Romans „Schule der Arbeitslosen“ von Joachim Zelter. Der Text sprach alle sofort an, mit dem hochprofessionellen Schauspielerteam entstand so etwas wie eine Traumbesetzung, und der Termin für die deutsche Erstaufführung in Hamburg rückte näher.
Nun hat „Schule der Arbeitslosen“ zwar eine Fülle kabarettistischer, ja humorvoller Szenen, und auch an gefühlvollen Momenten besteht kein Mangel – für gute Schauspieler alles kein Problem. Doch imponiert dieses Zweieinhalb-Stunden-Stück vor allem durch Zelters Sprachintensität, die intelligenten Dialoge und sein satirisches Potenzial. Der Zeitaufwand für eine bühnenreife Aufführung – das wird den Schauspielern klar gewesen sein – müsste beträchtlich länger sein. Andererseits waren ausreichend viele Wiederholungsaufführungen, die den Aufwand lohnen würden, nicht in Sicht, und in der gleichen Besetzung wohl auch kaum organisierbar. Weil aber jeder inzwischen Feuer gefangen hat, entschloss man sich trotzdem, das Stück zwar zu „spielen“, aber es einstweilen als „szenische Lesung“ unters Theatervolk zu bringen.
Joachim Zelter bündelt darin den ebenso rücksichtslosen wie aussichtslosen Kampf um die wenig verbliebenen Arbeitsplätze im Jahr 2016 zu einer tiefschwarzen Story, in der es darum geht, den Arbeitslosen in ihrer Bewerbung zu einer möglichst abenteuerlichen Vita zu verhelfen. Der Zuschauer beobachtet haarsträubende Vorkommnisse auf dem Camp namens „Sphericon“ und ahnt, dass „Deutschland sucht den Superstar“ und „Big Brother“ die Vorstufe dazu gewesen sein könnten…
Aktuelle Inszenierung in Lindau
Zwar gehört diese „szenische Lesung“ vermutlich zum Besten, was hier je unter dieser Bezeichnung zu sehen war, und man traut sich kaum, einen der ohnehin bekannten Namen besonders herauszustellen – doch, vielleicht den einen: Dietmar Mues ließ in der dankbaren Rolle als gnadenloser Coach im Camp der „Trainees“ am häufigsten vergessen, dass er, wie all die anderen, stets mit einem Stapel Textblätter über die Rampe musste. Ebenso Michael Weber, Nina Petri und Anette Uhlen, die in ihrer empfindsamen Darstellung den Wunsch nach durchgehend „freier“ Darstellung zusätzlich steigerten. Doch bleibt festzuhalten: Joachim Zelters „Schule der Arbeitslosen“ verdient es, gewissermaßen als „echtes“ Theaterstück auf die Bühne gebracht zu werden – so wie in der wachsenden Anzahl von Städten, in denen es jetzt auf den Spielplan kommt.
Den Mitarbeitern des Kulturamtes ist es hoch anzurechnen, dass sie eine derart aktuelle Inszenierung samt Personal nach Lindau holen konnten und auch die gelungene bühnentechnische Umsetzung ermöglichten. Dass sich ein starker Theaterabend immer wieder in eine szenische Lesung „zurückentwickelte“, schränkte den Genuss des mit viel Beifall bedachten Stückes trotzdem nur geringfügig ein.