Amadeus (Peter Shaffer)

Ein göttlicher Deal um Mozarts Musik

Noch immer steht die Popularität des Namens Salieri in krassem Gegensatz zu derjenigen seiner Musik. Wieder einmal bestach die (falsche) Deutung Peter Shaffers im „Amadeus“, die aufzeigt, wie es dazu gekommen sein könnte.

Zunächst war da jener Deal, den dieser musikalische „Vorstadt-Katholik“ – wie Salieri sich selbst bezeichnete – mit Gott gemacht hatte: für sein Gelöbnis, keusch zu bleiben, möge sich doch dieser, bitte schön, um seinen Ruhm kümmern. Alles schien gutzugehen, und nicht einmal Salieris Gattin (Monika Arndt), berühmt für ihre vollkommene Temperamentlosigkeit, schien im Jenseits Anlass zu irgendwelchen Zweifeln an diesem Versprechen zu geben.

Doch dann kam dieses obszöne Genie daher, dessen Musik die Welt erobern sollte; spätere Generationen würden dem, der jetzt unter ständiger Geldnot leidet, vorrechnen, dass seine Einnahmen ausreichen würden, um ganz Österreich aufzukaufen. Da blieb nur Mord, so kombinierte Salieri, oder wenigstens die nachweisbare Bezichtigung, um seinen Namen mit dem Ruhm Mozarts zu verbinden.

Die eindrucksvolle Inszenierung des Ernst Deutsch Theaters (Regie: Valery Grishko) widmet dem mit Gott hadernden Salieri anschauliche Momente. Freilich wird selten der Verdacht genährt, als könnten die so entstehenden Seelenqualen allzu sehr ins Zentrum geraten. Es gilt, möglichst viele Nachweise zu liefern, dass Mozart zwar genial, doch leider vulgär war, Salieri mittelmäßig, doch voller Einfluss, und dass Musik im damaligen Wien die wichtigste Rolle gespielt hat.

Stefan Wigger belässt Salieri sein Mittelmaß, was seine Rolle allerdings jeglicher Dämonie beraubt – anders als im gleichnamigen Film. Den körperlichen Verfall des alten Salieri vollführt Wigger beängstigend real und an der Grenze zu dem, was den geistig wachen Kommentaren Salieris noch zuzutrauen ist. Seiner Leidenschaft zur Musik indes möchte man doch etwas größeren Ausdruck wünschen. Tilo Keiner geht in der Figur Mozarts förmlich auf; er bedient alle Erwartungen, die an den vermeintlichen Charakter Mozarts gestellt sind: dessen uneitles Selbstbewusstsein, seinen Hang zum Übermäßigen und Vulgären, das Derbe seiner Sprache und die schöpferische Einsamkeit. Wer den Film gesehen hat, wird die durchaus eindrucksvolle Ähnlichkeit zu vielen Szenen festgestellt haben – was ihre Wirkung und die Leistung Tilo Keiners nicht schmälern muss (Gleiches gilt auch für Helmut Nyemetz, der als Kaiser von Österreich eine herrliche Darstellung bot).

Neben der charakterlich eindeutig angelegten Gefolgschaft Strack, Rosenberg (arrogant-schmierig: Detlef Heydorn) und van Swieten, waren es die oft präsenten Informanten (Jürg Wisbach, Marco Stickei), die das Stück um vitale, choreographisch hinreißende Elemente bereicherten. Mit Anna von Berg schließlich präsentierte sich eine Konstanze, die jeder Versuchung widerstand, diese Frau oberflächlich und eigentlich Mozarts unwürdig zu zeichnen. Sie gab dieser Figur Format und Weiblichkeit.

Eine geschlossene Inszenierung, die dem genialen Theaterwurf Peter Shaffers kaum etwas schuldig blieb. Die Neugierde auf das musikalische Oeuvre Salieris konnte allerdings auch sie nicht wecken.