Wenn eine Mutter ihre Tochter an sich fesselt
Mit Thomas Bernhards Stück „Am Ziel“ ist auch die Theatersaison 2008/2009 an ihr Ziel gelangt. Sie hat dem Publikum manches Beispiel großer Theaterkunst beschert – diesmal vielleicht sogar noch mehr als sonst. Da wirkte Maresa Hörbigers fulminanter Auftritt wie eine abschließende Bestätigung dieses Eindrucks.
Dass es nicht besonders lustig zugehen würde, wenn „Thomas Bernhard“ auf dem Programm steht, wird vielen Theaterbesuchern klar gewesen sein. So überraschte es nicht, wenn die bisher gute Auslastung bei der letzten Aufführung nicht mehr ganz erreicht wurde.
Schade. Nicht nur, weil bereits Maresa Hörbigers Sprech- und Spielkultur allein schon den Besuch wert war. Ganz abgesehen davon, dass bei aller Düsternis und allem Pessimismus, die auch diesem Stück Bernhards anhaften, durchaus heitere Momente zu orten waren.
„Handlungsarm“ nennt man solche Bühnenwerke, bei denen eben nichts passiert. „Am Ziel“ schildert, wie eine Mutter ihre Tochter aufs Unerträglichste – und vermutlich sogar aus Liebe – dominiert und an sich fesselt. Man erfährt, wie diese Mutter zuvor schon ihren Mann und auch den gemeinsamen, missgestalteten Sohn zu Tode gehasst hat. Geheiratet hat sie eigentlich nur das Haus am Meer und das Vermögen, welches ihr Mann mit seinem „Gusswerk“ gemacht hat.
Dieses „Gusswerk“ erfährt im Laufe der Aufführung die kunstvollsten Aussprachevarianten, und es bedarf schon einer Bühnengröße vom Range einer Hörbiger, um diesen bitteren „Running Gag“ in solch grenzenlose Verachtung zu steigern. Auch die Skrupellosigkeit und Härte, mit der dieses Abhängigkeitsverhältnis vor dem eindrucksvollen Bühnenbild abläuft, wird von der österreichischen Schauspielerin mit großer Ausdruckskraft umgesetzt, ohne dass dies je gekünstelt wirkt oder falscher Übertreibung zum Opfer fällt.
Gequältes Echo der Gefühle
Nun wäre es freilich falsch, den spielerischen Anteil der bemitleidenswerten Tochter neben dieser Bühnengröße allzu gering zu achten. Denn Katrin Stuflesser gelingt es in dieser Rolle jederzeit, das gequälte Echo ihrer Gefühle mimisch und choreographisch sichtbar zu machen. Hin und wieder mochte man sogar vermuten, dass sie den Ausbruch aus ihrem Abhängigkeitsgefängnis wagen könnte.
Nur Matthais Franz Lühn macht als „dramatischer Schriftsteller“ eine allzu oberflächliche Figur. Sein Besuch in Katwijk, wo das erwähnte Haus am Meer liegt, eröffnet aber immerhin aufschlussreiche Gespräche, die dem Autor Gelegenheit gaben, seine pessimistische Haltung deutlich zu machen, sogar gegenüber dem Theater und jenen Autoren, die er als „Theaterschmierfinken“ bezeichnet. Auch an den Jungen – „sie stehen da und haben die Sprache verloren“ – lässt er kein gutes Haar und behauptet: „Die Jugend ist kraftlos.“ Thomas Bernhard blieb sich eben auch hier treu – und verstand es trotz allem, aus seinen Lieblingsthemen, zu denen die Ausweglosigkeit und die Lebensklage gehören, ein packendes Theaterstück zu schreiben, das seine eigentliche Wirkung aber wohl erst mit einer solch überragenden Darstellerin wie Maresa Hörbiger entfalten kann.