Lindau – Es gibt sie noch, die Liedermacher. Wenn so einer dann Konstantin Wecker heißt, zeigt sich, wie viele Anhänger es dafür immer noch gibt: Seit längerem schon war das Stadttheater ausverkauft, und die Gründe, weshalb das so ist, hat er in einem dreistündigen Konzert nachgeliefert.
Man gönnt ihm den kleinen Personenkult, der entsteht, wenn er die Bühne betritt und ihn erst einmal tosender Beifall umfängt. Denn man weiß: Der Mann ist sechsundfünfzig, kennt ein paar Seiten des Lebens und meint, was er sagt: „Ich singe, weil ich ein Lied hab‘ – nicht, weil es euch gefällt.“ Natürlich gefallen seine Lieder dann trotzdem. Er ist ja immer noch „der Sänger, der sich in die Seele des Volkes singt“.
Das tut Konstantin Wecker erst einmal chronologisch, und so befinden wir uns gleich mitten in den Bilderfluten seiner „sadopoetischen“ Phase; die kommt ziemlich erregt daher, muss sie doch alle pubertären Erfahrungen zwischen Balz und Liebesschmerz in Lieder fassen. Sein Kompliment gilt dabei den einstigen Bossen der Plattenindustrie und ihrer Geduld zum Künstleraufbau: „Damals hatten die Leute noch Interesse an der Musik und nicht nur an Zahlen.“ Wohl wahr!
Danach: „Ich lebe immer am Strand.“ Hier wie auch bei den meisten anderen Stücken des Abends, erklingt spontaner Wiedererkennungs-Beifall – man ist schließlich unter sich.
Konstantin Wecker verbindet sein Programm gekonnt mit Biographischem, setzt interessante Pausen und vertraut im richtigen Augenblick auf die melodiöse Kraft seiner Lieder und seine imponierenden pianistischen Fähigkeiten: Man denke nur an den packenden bayerischen Blues, wo er sein Improvisationspotential auch am Flügel unter Beweis stellt. Das erzeugt eine natürliche Dramaturgie, deren Sog sich kaum jemand entziehen kann. Mit „Genug ist nicht genug“ erinnert er an sein Verständnis vom politischen Sänger und auch daran, was für ein Stimmakrobat er mittlerweile ist. Seine ausgeprägte Formuliergabe findet immer den richtigen Ton, sie überrascht, fasziniert und amüsiert – sei es im zornigen „Es herrscht wieder Frieden im Land“, im selbstironischen „I werd oid“ oder aber im bitterbösen „Waffenhändler-Tango.“ Sein Engagement gegen Krieg ist ungebrochen, und sein Frust angesichts zweifelhafter Führer gipfelt bisweilen in blankem Sarkasmus: „Bush wäre uns erspart geblieben, wenn man in Texas abtreiben dürfte.“
Mutig steuert er auch auf jene Zeit zu, die er als „Dämmerzustand zwischen 40 und 50“ beschreibt, und spielt auf jenen „juristischen Zwischenfall“ im November 1995 an, wo er wegen Kokainbesitzes angeklagt und schließlich ein paar Jahre später zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Dazwischen immer wieder diese wunderbaren Liebeslieder – „Was ich an dir mag“ beispielsweise, oder ganz am Schluss die anrührende musikalische Verneigung vor seinem Vater, einem unbekannt gebliebenem Tenor: „Du hattest Größe, ich hatte Glück.“ Ein bisschen mehr aber wird es dann doch sein, was die Faszination eines solchen Konzertes ausmacht: Mögen die Gedanken noch so gut, die Melodien noch so schön sein – es bedarf schon eines Künstlers vom Schlage Konstantin Weckers, um daraus ein echtes Erlebnis zu machen.