Intellektueller Spaß — erotisch verpackt
„Männer, Männer! „möchte man in Anspielung auf Elisabeth Gessaus letzte Inszenierung ausrufen, wenn man sich nun ihrem neuesten, wiederum köstlichen Theaterprojekt gegenüber sieht: In Gestalt des Philosophen Diderot nähert es sich dem Thema „Moral“, die sich in Eric-Emmanuel Schmitts Komödie „Der Freigeist“ allerdings jedweder philosophischer Vereinnahmung entzieht, zur Ergänzung wohlfeiler Machosprüche aber eine Menge Material bereit hält.
Verhalten, geradezu leise legt sich die erste Szene auf die Bühne des gut temperierten Zeughauses, ehe sie zur ersten pikanten Überraschung ausholt: schöne Malerin malt älteren Philosophen, erotisches Geplänkel entsteht, und ehe man sich versieht, liegt der auch schon nackt auf dem Sofa: kein Unding für gestandene Philosophen. Und keine selbstverständliche Aufgabe für ausgewiesene Amateurschauspieler. Doch Uli Mayer pariert diese schauspielerische Herausforderung bravourös und bleibt auch dann noch Herr der Lage, als die reizvolle Tina Buntzel auf ihm liegt, um die geplante Malstunde in ein Schäferstündchen zu verwandeln.
Komödiengesetze aber sind unerbittlich: Noch öfter als dies eine Mal wird immer dann klopfend um Einlass gebeten werden, wenn das hormonale Fest zu steigen beginnt. Seine malerische Liege wird ab jetzt zum „Sofa interrupta.“ Schlecht für Denis Diderot, zuträglich jedoch für das, was ihm kurzfristig aufgetragen ist: die geplante Enzyklopädie um das Kapitel „Moral“ zu ergänzen, das eigentlich dem Kollegen Rousseau zugedacht war.
Von nun an windet sich der erotisch Geplagte von einer Definition zur nächsten und der französische Erfolgsautor Schmitt versorgt gleichzeitig alles, was für Philosophen, Machos, Feministinnen und notorische Fremdgänger hilfreich ist: ‚mal will er „der Moral ein neues Gesicht geben“, dann „die Enthaltsamkeit aus dem Katalog der Tugenden streichen“; später stellt er fest, dass „der Mann immer das Gefühl haben muss, er sei die Ursache von dem, was sich ergibt“ und räumt angesichts seiner permanenten Verführbarkeit schließlich gerne ein: „Mich lenken Kräfte, denen ich nicht gewachsen bin.“ Frauen indes – und hier bekommt Portraitistin Anna Dorothea Therbouche endlich Oberwasser – sind weit „komplexer als Männer“, „unsere Körper haben das Talent zum Rätsel“ und nur sie wüssten, was echte Wollust sei.
Wie geschliffen kommen die Sätze einher, empfehlen sich als zitierfähige Bonmots und machen das Stück letztlich zu einer überaus spritzigen Komödie. Das Theater „Blauer Kater“ konnte erneut auf sein hervorragendes Personal zugreifen, um die hiesige Theaterszene von seiner besten Seite zu zeigen. Hier Uli Mayer, der den für dieses Thema überforderten Philosophen souverän, abgeklärt und erotisch anfällig nachzeichnete, auch wenn er anfangs sein Augenmerk noch mehr auf seinen umfangreichen Text zu lenken schien als auf das lebendige Spiel mit seinen Partnerinnen. Dann Tina Buntzel: mit fester Stimme und prickelnder Erotik, stets überlegen, raffiniert und ihres Frau-Seins bewusst, hat sie dem schwachen Manne seine Grenzen aufgezeigt. Ula Below glänzte einmal mehr durch Ausstrahlung und Persönlichkeit und ist in keinem Augenblick der Versuchung erlegen, aus der betrogenen Gattin ein dummes Weibchen zu machen. Claudia Müller agierte geschickt zwischen naiver und auf lehnender Tochter, während Petra Wölfle viel, aber erfolgreich damit beschäftigt war, zunächst verführerisch, dann konspirativ, schließlich enttäuscht, aber schon wieder verliebt zu wirken: eine ambivalente Rolle, die über1 weite Strecken differenziert ausgestaltet wurde.
Und schließlich Benny Späth als Sekretär, der immer stören oder zum falschen Augenblick kommen musste: Diesen kurzen Szenen verlieh er viel Witz, Komik und Dynamik. Elisabeth Gessau hat mit dieser Komödie eindreiviertel Stunden flotte und geistreiche Unterhaltung auf die Bühne gebracht und damit wohl die besten Voraussetzungen für eine weiterhin große Publikumsresonanz geschaffen.