„Atemverzehrende“ Büchner-Lesung

LINDAU – Büchners „Lenz“: wer mit diesem Dichter-Psychogramm erfolgreich auf Tour gehen will, sollte eine ausreichend hohe Anzahl von „Fachbesuchern“ einkalkulieren. Die gegenwärtige Tagung bietet diese Voraussetzung, und entsprechend voll wurde dann auch die Hinterbühne des Stadttheaters.

Es gibt unterhaltsamere, gewiss auch wirkungsvollere Texte als diese literarisch beispiellose Dichtung von Georg Büchner, wo dieser zum Zeugen und Sprachrohr des „unglücklichen Poeten“ Lenz wird. Vom Aufenthalt bei dem Pfarrer und Pädagogen Friedrich Oberlin verspricht sich Lenz Besserung und Heilung. Doch die Merkmale seiner psychotischen Erkrankung verschlimmern sich, seine Selbtsmordversuche häufen sich und führen schließlich zu seinem Abtransport nach Straßburg. Büchner verwandelt die Tagebuchaufzeichnungen Oberlins in beklemmende Aufzeichnungen aus Sicht des Kranken, was zu erstaunlichen und bewegenden Reflexionen über die Natur, Gott, Tod, Einsamkeit oder die Kunst führt. Wie bringt man dieses düstere Szenario auf die Bühne, wie ans geneigte Publikum?

Der Schauspieler Dieter Rupp hat einen anderen, wohl auch anfälligeren als den naheliegenden Weg – nämlich eine Lesung zu machen – gewählt, um Büchners Text zu vermitteln. In einem Kostüm, das wohl an Lenz gemahnen sollte, hat er in einer bewundernswerten Leistung das gesamte Werk auswendig gelernt und in Szene gesetzt.

Durchsetzt mit vereinzelten Jazzpassagen, für die Hermann Martlreiter (Saxophon und Flöte) und Sascha Gotowtschikow am Schlagzeug zuständig waren, hat er auf die verdichtende Wirkung der Musik und häufig wechselnde Scheinwerfereinstellungen gesetzt.

Er hat dabei immer wieder seine Position verändert, teilweise auf den Knien gespielt und war so auch um äußere Abwechslung bemüht. So verstanden, hat Dieter Rupp Büchners Credo hinsichtlich der Kunst erfüllt, dass „das Gefühl, dass was geschaffen sei, Leben habe, …sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.“ Die Mehrzahl der Zuhörer scheint das Pensum und die Methode dieser Darstellung auch entsprechend gewürdigt zu haben, auch wenn Rupps buchstäblich atemverzehrende Sprechweise und das ihn offenbar augenbeeinträchtigende Scheinwerferlicht gelegentlich abträglich für die erforderliche Konzentration waren. Er hat sich wohl auch gescheut, größere Kürzungen an Büchners Erzählung vorzunehmen; auf diese Weise allerdings wurde die Teilnahme an den Bewußtseinszuständen des Lenz umso unmittelbarer, und das Ringen mit Gott – etwa beim Tod des jungen Mädchens -, aber auch seine Gotteslästerungen umso folgerichtiger.

Das bisher eher „schwerblütige“ Kulturprogramm innerhalb der Psychotherapiewochen hat in Büchners „Lenz“ aber eine Fortsetzung gefunden, die in einem solchen Rahmen durchaus Sinn macht. Vielleicht bringt ja der heutige Abend in St. Stephan mit „InmoVEment“ eine gewisse Stimmungsverlagerung, die ganz sicher beim Konzert der „Singphoniker“ am Donnerstag zu erwarten ist.