Starkes Stück mit glänzenden Darstellern
Als Co-Produktion von „Euro-Studio Landgraf“ und „Theater im Rathaus Essen“ war das Schauspiel „Amys Welt“ zu sehen. Das starke, beinahe zu themenreiche Stücke musste sich diesmal mit weniger Zuschauern zufrieden geben als derzeit im Stadttheater üblich.
Viel Stoff, mit dem der englische Dramatiker David Hare „Amys Welt“ ausgestattet hat: mit einem Mutter-Tochter-Konflikt; mit einem flammenden Plädoyer fürs Theater, mit dem Einfluss von Journalismus und Kritik, und nicht zuletzt gab’s noch ein paar Ausreden für Alkoholismus. Spannend war der reiche Themenmix allemal. Anne Rathsfeld und Doris Kunstmann als Amy und deren Mutter bewiesen spielerisch und mit höchster Überzeugungskraft: erstens, dass man nie die Meinung einer Mutter ändern wird, wenn sie den Mann ihrer Tochter für unwürdig hält; und zweitens, dass man idealistische Schauspieler nicht übers Theater sprechen lassen sollte, um es dadurch zu legitimieren.
Anne Rathsfeld stattet die Amy mit großer Empfindlichkeit aus; wie sehr sie dabei um die gleichberechtigte Liebe zu ihrer Mutter kämpft und diejenige zu ihrem Ehemann Dominic verteidigt, zeugt von großem schauspielerischen Können. Doris Kunstmann glänzt in ihrer Rolle, die als Mutter um größere Nähe zu Amy und als Schauspielerin um eitle Anerkennung kämpft – sie ist die eigentlich tragische Figur in diesem Stück. Fritz Bleuler gelingt der Wandel vom träumenden Studenten über die angehende Journalistenkarriere bis zum begehrten Filmemacher hervorragend; seinen Vorsatz, das Schicksal der hoffnungslos verschuldeten Schwiegermutter, die sich jetzt sogar an billigste TV-Serien verkauft, auch noch nach Amys Tod zu wenden, hält er frei von Kitsch. Dadurch behält das trübe „Happy End“ sogar seine innere Logik, ohne die vielen aufgelaufenen dramatischen Elemente preiszugeben.
„Amys Welt“ ist ein aufrichtiges Theaterstück, das gesellschaftliches und familiäres Streitpotential aufnimmt und zu einem dialogsatten Stück verarbeitet. Auch wenn sein Autor beispielsweise überzeugende Argumente für die Schauspielerei und den Erhalt von Theatern vorbringt, so sind ihm die Gegenargumente oder auch die Berechtigung des Fernsehens gleichermaßen vertraut. Ebenso beschreibt David Hare das Auseinanderdriften von Karriere und Familienglück nicht als platte Unausweichlichkeit, sondern zeigt auch die Höhen einer solchen Entwicklung auf. Dass er darüber hinaus am Beispiel der Schauspielerin Esme Allen vorführt, wie Tausende gutgläubiger Versicherungsnehmer von Lloyds in den Ruin – in einigen Fällen auch zum Selbstmord – getrieben wurden, ist ein weiteres Mittel, um „Amys Welt“ zu einer spannenden und zeitnahen Familiengeschichte zu machen. Beides zusammen ist schon mehr, als viele zeitgenössischen Stücke aufzuweisen haben.