Ihresgleichen sucht man vergebens

LINDAU – Soviel Statistik trifft auch auf das Stadttheater Lindau zu: Mozarts „Zauberflöte“ ist dort die meistgespielte Oper. Doch was anderswo zum Vorwurf wird, bestimmt hier den Erfolg: hölzerne Figuren. Die Rede ist von der Lindauer Marionettenoper.

„Ein überwältigendes Ereignis!“ Wenn sich ausgerechnet zwei Opernsänger zu diesem Ausruf im Gästebuch hinreißen lassen, muss dem etwas Besonderes vorangegangen sein. Und tatsächlich: In ganz Deutschland wird nicht fündig, wer eine professionelle Marionettenbühne sucht, die mal eben die wichtigsten Opern der abendländischen Kultur im Repertoire hat – die gibt es nur in Lindau. Dort passiert es vermutlich häufiger als bei der „leibhaftigen“ Konkurrenz, dass staunende Zuschauer zurückbleiben, die sich nur schweren Herzens von Illusion und Zauberwelt trennen. Und die gar nicht glauben wollen, dass die herzerweichende Konstanze auf einmal etwas mit dieser 50 Zentimeter hohen Holzschnitzerei zu tun haben soll, die man manchmal nach einer Aufführung zu sehen bekommt.

Wer etwa die Entwicklung das Salzburger Marionettentheaters der vergangenen Jahre mitverfolgt hat, wird den Unterschied zur Lindauer Marionettenoper schnell erkennen: Weit haben sich der Initiator und künstlerische Kopf des Unternehmens, Bernhard Leismüller, und seine 16 ehrenamtlichen Mitspieler von der dortigen Routine und der spielerischen Lieblosigkeit in Mozarts Heimatstadt abgesetzt: Perfekt geführte Bewegungsabläufe, die in kürzester Zeit die Magie und das wunderbare Täuschungspotenzial von Marionetten offenbaren. Dazu Kostüme, die gleichermaßen stilvoll wie opulent daherkommen. Und nicht zuletzt eine Vielzahl von Bühnenbildern, deren atmosphärischer Gehalt und Weite samt all den verschwenderischen Details die Illusion eines wirklichen Opernbesuches noch verstärken. Hier sind Künstler am Werk, deren Engagement und Wille nach größtmöglicher Qualität ungebrochen sind.

Opulente Inszenierungen

Doch nicht nur die „Zauberflöte“ vermag im buchstäblichen Sinne zu verzaubern. Neben weiteren Werken Mozarts („Die Entführung aus dem Serail“, „Cosi fan tutte“) bietet die Lindauer Marionettenoper auch zwei weitere Opern an, die man aufgrund ihrer üppigen Besetzung zwar in der Scala, aber gewiss nicht im umgebauten Konzertsaal des Lindauer Stadttheaters erwarten würde: den „Barbier von Sevilla“ und die opulent inszenierte, mit liebevollen Details ausgestattete „Carmen“ von Georges Bizet. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass eine opernverwöhnte Besucherin aus einer Großstadt anreist, um hinterher in besagtes Gästebuch zu schreiben: „So eine schöne Carmen habe ich noch nie gesehen!“