LINDAU – Während der Rest der jungen Pianisten-Gilde dem (gestern erfolgten) Finale des Internationalen Klavierwettbewerbes entgegenspielte und -fieberte, schien die Kondition des Publikums allmählich nachzulassen. Für den zweiten Wettbewerbsabend waren Romantik und das 20. Jahrhundert vorgegeben.
Zugegeben: Schumann-Liebhaber sollte man schon sein, um den Reiz dieser zweiten langen Klaviernacht im Forum am See bis zum Ende zu erspüren. Denn obwohl auch Schubert oder Brahms zur Auswahl standen, hatten sich alle vier Kämmerling-Meisterschüler bis auf Xiao-Shu Zhu für ein Werk Robert Schumanns entschieden, das sie dann um ein oder zwei Stücke zeitgenössischer Komponisten ergänzten, beziehungsweise im Falle der Chinesin um die „Chaconne“ der tatarischen Komponistin Sofia Gubaidulina.
Diese durchwegs kurzen Stücke standen jeweils am Beginn der einzelnen Vorträge und ergänzten den Eindruck der Künstler sowohl in pianistischer als auch in interpretatorischer Hinsicht um interessante Aspekte. Neben Zhu hatten sich noch die beiden Russen Petr Ovtscharov und Herbert Schuch sowie der deutsche Konrad Maria Engel als ältester Teilnehmer qualifiziert.
Auch am Freitag hatte es die dreiköpfige Jury nicht leicht, denjenigen zu bestimmen, dem die Finalrunde am gestrigen Sonntag versagt bleiben würde. Hinzu kam, dass sie sich bereits jetzt Gedanken darüber machen mussten, wer dann schließlich für den begehrten ZF-Musikpreis 2004 in Frage käme. War es Petr Ovtscharov, dessen kraftvolles Spiel im „Carnaval“ ein wenig den Blick auf andere seiner pianistischen Ausprägungen verstellte, der aber andererseits im Prelude von Bodwin Cox zeigte, wie zwingend er die wild perlenden Passagen mit der großartigen Ruhe kombinieren konnte, die ja immer wieder in beiden Werken gefragt ist.
Oder träfe es Xiao-Shu Zhu, die ihr vornehmes Spiel mit äußerer Zurückhaltung verband und die selbst in den tollkühnsten Läufen große Übersicht walten ließ. Täuschte bei ihr vielleicht der Eindruck, dass der ein oder anderen Stelle ein wenig mehr Sinnlichkeit gut getan hätte?
Wo würde Konrad Maria Engel am Ende stehen, der sich zwar engagiert und zupackend Messiaen und Schumanns Humoreske widmete, dessen eigentliche Klangvorstellung aber nicht immer erkennbar war?
Priorität auf die Wirkung
Und schließlich die „Kreisleriana“: Ihre romantischen Empfindungen, aber auch ihr verklärter Charakter stießen bei Herbert Schuch auf einen höchst wachen und dafür geeigneten Interpreten. Gleichwohl schien er im Zweifelsfall der unmittelbaren Wirkung größere Priorität einzuräumen als der letzten Durchdringung der Partitur.
Spät fiel dann auch an diesem Abend die Entscheidung: Herbert Schuch erhielt den Publikumspreis, während der Abend für Petr Ovtscharov das „Aus“ für diesen Wettbewerb bedeutete.