Mit dem spanischen „Cuarteto Casals“ hat die Konzertfolge „Das europäische Streichquartett“ seinen grandiosen Abschluss gefunden. Der gut besuchte Rokokosaal wurde dabei zum Hörplatz für jene Riege junger Musiker, die immer häufiger mit dem Begriff „Weltklasse“ verbunden wird.
Kein „Haydn-Spaß“ also, der da mit diesem Streichquartett op. 33,4 für eine freundliche Einstimmung zu einem Kammermusik-Abend sorgen sollte. Statt dessen: kompromissloser Ensembleklang, der gerade der unerhörten, so zukunftsweisenden Potenz dieser von Haydn entwickelten Gattung zu Leibe rückte und ihr dabei eine Unzahl subtilster Details abtrotzte. Überraschungsreich, mit verschmitztem Witz und jeder originellen Wendung dicht auf der Spur bleibend, gestaltete das „Cuarteto Casals“ Satz um Satz, wetzte sich an den scharfen Kanten des Allegros, ging im kurzen Trio des Scherzos auf, suchte und fand die rechten Klangfarben im Gefühl verströmenden Largo und zauberte im Presto die hinreißenden Pizzicato-Schlusstakte in den Saal. Was für ein Auftakt zu einem Konzert, in dessen Mitte eine von lediglich vier Kompositionen stand, die dem Spanier Juan Crisóstomo de Arriaga zu schreiben vergönnt waren.
Sein drittes Streichquartett in Es-Dur hatte er als 18-Jähriger geschrieben – nur zwei Jahre vor seinem frühen Tod. Die vier Streicher sind dabei gründlich in die gesamte musikalische Debatte eingebunden, die von meisterhafter Satztechnik und berückenden Klangfarben geprägt ist. Das Pastorale Andantino mit seinem expressiven Mittelteil erinnerte leise an Beethovens „Szene am Bach“ – seine flüssige Natürlichkeit entwickelte sich unter den Händen des jungen Quartetts zu einer Musik, die zum Dahinschmelzen schön war. Auch der finstere Tanz im Scherzo sowie der drängende Puls im Schlusssatz ließen erahnen, welche Genialität einst mit dem früh verstorbenen Komponisten zu Grabe getragen wurde. Und die beseelte Darstellung der vier Musiker tat ein Übriges, um diesen Verlust für die Musikwelt nachempfindbar zu machen.
Erst beim Schlusswerk teilte sich das Quartett dann die musikalische Arbeit mit der Bratschistin Karine Lethiec. Im Streichquintett B-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy trug sie zu einem noch wärmeren klanglichen Fundament bei und setzte instrumentale Akzente, ohne allerdings die eingeschlagene musikalische Linie zu verlassen. Das Ausdrucksspektrum der Bratschen wurde dabei ebenso tief ausgelotet wie das des Violoncellos. Noch einmal pulsierten die Sturm-und–Drang-Elemente im ersten Satz, erblühte die singende Melodie im Andante vor überaus prägnant formulierten Mittelstimmen und bildete sich inbrünstige Kantabilität vor einer bedrohlichem Tremolo-Kulisse. Im Schluss-Allegro vermischte sich dann die spielerische Leidenschaft mit dem aufkommenden Gewitter, das aber sicherlich mehr dem Übertragungswagen des SWR als der Artikulationskraft des Ensembles zu schaffen machte. Die Wiederholung des Andante scherzandos krönte schließlich einen Kammermusikabend, der zu einer eindrucksvollen Demonstration moderner Quartettkunst wurde.