Kraftvoll und leichtfüßig – elegant und leidenschaftlich

LINDAU – Höchst unterschiedlich waren die Erkenntnisse bei der Klaviermatinee des Internationalen Konzertvereines: zum einen, dass ein vermeintlich unpopuläres Programm höchsten Konzertgenuss bieten kann. Zum anderen, dass Zuhörer, deren eingeschaltete Handys in ein Konzert platzen, eigentlich Bußgeld bezahlen sollten.

Roland Krüger, der bald dreißigjährige Ausnahmepianist, hat am Pfingstsonntag zum drittenmal in Lindau gastiert. Im gut besetzten Festsaal des Hotels Bad Schachen hatte er mit sechs Debussy-Etüden, Strawinskys drei Petruschka-Sätzen und der Humoreske von Robert Schumann ein exquisites Programm in der Tasche.

Krüger hat über die immensen Anforderungen der ersten sechs der „Douze études“ von Claude Debussy mit der für ihn typischen, überaus beherrschten Körperhaltung hinweggetäuscht; sein kraftvolles, nur selten überladenes Spiel hat dabei jene Durchsichtigkeit und — bei allem Überschwang – Leichtfüßigkeit erreicht, die Debussys Musik erfordert. Den Parcours durch die einzelnen Intervallschritte in Etüdenform gestaltete der Pianist mit rhythmischer Selbstverständlichkeit, ausdrucksvoll und selbst im halsbrecherischen „Pour les huit doigts“ mit schlankem Ton.

Doch als hätte das eben Gespielte mit vielem, aber bestimmt nichts mit Anstrengung zu tun, stürzte sich Roland Krüger voller Verve auf das virtuoseste Werk dieser Matinee, Igor Strawinskys „Trois Mouvements de Petrouchka.“ Diese dreisätzige Klavierfassung des berühmten Ballettes bleibt aufgrund seiner enormen technischen Schwierigkeiten durchschnittlichen Pianisten verschlossen.

Umso großartiger entfaltet es dann seine schillernde Kraft, wenn es in die Hände eines Roland Krüger gerät: der treibende, oft komplexe Rhythmus, Themen, die sich übereinander schieben und die eruptiven Fortissimo-Ausbrüche bündelt er zu einer packenden Interpretation, die hinterher begeisterten Beifall auslöst.

Schade und ärgerlich, dass auch dieses Konzert nicht Vorbeigehen sollte, ohne wieder einmal von nicht endend wollenden Handytönen gestört zu werden (wenn in einem Geschäft das gestohlen wird, wovon dieses sich ernährt – hier wäre das der Konzertgenuss -, gibt es in der Regel Hausverbot, zumindest aber Bußgeld…)

Den Abschluss des Konzertes bildete schließlich Robert Schumanns „Humoreske.“ Diesem zehnteiligen charaktervollen Werk widmete der Pianist alle Nuancen seiner Anschlagskultur. Er kombinierte die singende Melodik mit elegant gestaltetem Verlauf in der linken Hand, hob die organische Struktur der leidenschaftlichen Sätze hervor und beeindruckte auch hier durch seine schier unerschöpflichen Kraftreserven.

Langer Applaus und die Zugabenreferenz ging an Chopin, wo die packend ausgeführte a-moll Etüde op. 25 an den thematischen Beginn dieser bewunderungswürdigen Klaviermatinee erinnerte.