LINDAU – Zum vorläufigen Abschluss einer ganzen Reihe von Konzerten hatte die „New Orleans Bar“ diesmal in den Marmorsaal eingeladen. „Sam Carr & The Delta Jukes“ erlagen dabei fast der Versuchung, die als Blueskonzert angekündigte Veranstaltung in eine übermütige Tanzparty zu verwandeln.
Man darf natürlich nicht an Art Blakey denken, wenn „einer der bedeutendsten Schlagzeuger“ aus dem Blues-Lager angekündigt wird. Sam Carr hat denn auch vorgeführt, dass feinfühliges, virtuoses oder gar filigranes Spiel seine Sache nicht sind und dass diese Begriffe gewiss nicht zu denen gehören, mit denen einer urständigen Bluesgruppe in einer Besprechung beizukommen wäre. Sein robustes, zu schnörkelloser Einfachheit neigendes Spiel bot vor allem ein kräftiges Fundament für die drei Mitstreiter, die offenbar allesamt die Gelegenheit nutzten, um die kürzeste Verbindung zwischen Blues, Rhythm’n’Blues und Rock’n’Roll aufzuzeigen.
So war das auch kaum der Abend des Sam Carr, sondern vor allem der von Dave Riley, dem Sänger und Gitarristen der Band. Zusammen mit der Mundharmonika und dem Bass von Koni Eisenhut waren sie es, die dem Blues gaben, was des Blues‘ ist: Der unmittelbare, nahezu ungeschliffene Gesang Rileys, sein pralles und direktes Spiel auf der Gitarre verwoben sich insbesondere dann zu urwüchsigen Bluesnummern, wenn sich auch Eisenhuts Mundharmonika dazu gesellte. Hier passte auch die Schlagzeugarbeit, die jeden konzertanten, gar solistischen Charakter zu vermeiden wusste. Viele Stücke hörten freilich auf, ohne ein richtiges Ende zu haben und gingen meist direkt ins Nächste über. Das wirkte alles uneitel und authentisch, war allerdings auch bar jeden musikalischen Überraschungseffektes, gar Höhepunktes.
Doch als dann im zweiten Teil „Mustang Sally“ das Signal gab, nunmehr hemmungslos im Soul-Revier zu wildern, stieg die Stimmung im Marmorsaal zusehends. Jetzt, wo die Kräfte frei lagen und gerade Dave Riley wie entfesselt zur Sache ging, konnte es gar nicht mehr lange dauern, bis die tanzfreudigen Gäste auch mit einigen Rock’n’Roll-Stücken bedient wurden, was nach der anfänglichen Frauendominanz schließlich auch ein paar Männer auf die Tanzfläche lockte. Der Verlockung, die Atmosphäre des Blues gegen diese positiven Auswirkungen einer nur leicht bluesgetränkten Tanzparty auszutauschen, wollte man nicht widerstehen, und die begeisterten Gäste fanden das wohl auch gut so. Mehrere Zugaben waren schließlich eine Folge dieser Begeisterung und sie erinnerten dann doch nochmals daran , dass man sich eigentlich zu einem Blueskonzert zusammen gefunden hatte.