WASSERBURG – Den Klang- und Surround-Fetischisten sei versichert: Wie großartig sich ein Raum tatsächlich zum „akustischen Wunder“ entfalten kann, war in der Wasserburger St. Georgskirche zu hören. Als Inselbewohner wird man fast ein wenig neidisch, weil dieses Konzert nicht – wie ursprünglich vorgesehen – in der Stiftskirche stattgefunden hat.
Auf eines kann man sich beim ehemaligen Kantor Wilfried Bergmann eigentlich immer verlassen: dass er mit den kirchenmusikalischen Schätzen, die er abseits der populären Literatur hebt, verantwortungsbewusst und kenntnisreich verfährt. Meist gräbt er dabei in zeitlichen Regionen, die weit vor Bach liegen. Die Eindrücke, die er dabei hinterlässt, sind oft großartig, und das Publikum, das derlei Taten zu schätzen weiß, wird immer größer. Genauso war das auch am Sonntag. Es war ein Konzert, das mit Kompositionen von Giovanni Gabrieli und Heinrich Schütz darauf ausgelegt war, den ganzen Kirchenraum zum Klingen zu bringen. Dazu waren sowohl die Instrumentalisten als auch Chor und Gesangssolisten an vier verschiedenen Stellen der Kirche platziert. Sanft wurden also diejenigen, die sich gern in den hinteren Bänken verstecken, gebeten, sich doch ins Innere dieses akustischen Quadrates zu begeben. Wie gut dieser Ratschlag tatsächlich war, sollte sich ziemlich schnell erweisen.
Es war in Venedig, wo der 24-jährige Schütz den fast 30 Jahre älteren Giovanni Gabrieli experimentieren hörte; in räumlich getrennten Klanggruppen verwandelte dieser San Marco in einen Hörraum von enormer Klangpracht. Es spricht für Bergmanns dramaturgisches Empfinden, wenn er also mit einem zweichörigen Instrumental-Canzon Gabrielis für einen effektvollen Auftakt sorgte, um in der St. Georgskirche Ähnliches zu erleben. Den heller wirkenden Klang der Instrumentalgruppe im vorderen Chorraum verstärkte dabei Jürgen Lehmann um das exotisch wirkende Zink und ein „Bassdulzian“ (Uwe Schlottermüller), während die Streichergruppe im Mittelgang um zwei Blockflöten ergänzt war. Um wieviel mehr aber entfaltete sich dann die Klangpracht, als zunächst das „Lobe den Herren, meine Seele“ von Schütz erklang! Ein vierstimmiger Solistenchor mit einem echten Altus (Markus Forster) sang nun zusammen mit zwei vierstimmigen „Capellchören“ mit- und gegeneinander und erst jetzt kam die fesselnde Wirkung solcher Gegenüberstellungen und die packende Tonsprache von Heinrich Schütz so recht zum Tragen. Man versteht, wenn Günter Grass ihn als einen der wenigen geschildert hat, die „dem Worte dienen, es deuten, belegen, seine Gesten betonen und in jede Tiefe, Weite und Höhe versenken, dehnen, erhöhen.“
Wilfried Bergmann muss auch verinnerlicht haben, was das Besondere dieser Musik ist. Er hat für diese Aufführung eine Vielzahl von hervorragenden Sängern und Instrumentalisten aufgeboten und mit dem Münchner Klaus Hölzle sogar die selten gespielte Theorbe, einem lautenartigen Instrument, besetzen können. Denn die war dann für eine authentische Wiedergabe der „Fünf Geistlichen Konzerte“ aus den Symphoniae Sacrae Opus 12 erforderlich. Klangbewusst, präzise und ausgewogen über alle Stimmen präsentierte sich dabei der „Capellchor im Collegium Musicum Lindau“, wie Bergmann seinen Chor nennt. Seine Geschmeidigkeit ist wohl auch ein Ergebnis einer behutsamen Zusammensetzung aller Stimmen, bei denen die Jüngeren einen gesunden Anteil haben. Auch an Klarheit, Ausdruckstiefe und Versiertheit ist dieser Chor über jeden Zweifel erhaben.
Organisation und Durchführung für ein solch komplexes Programm erfordern vermutlich einen großen zeitlichen Einsatz. Umso mehr ist Wilfried Bergmann zu beglückwünschen, wenn er der Vorbereitung dieses Chores und dem reibungslosen Konzertablauf mit seinen zahllosen Einsätzen an die verteilten Mitwirkenden offenbar die gleiche Mühe angedeihen ließ wie seiner technischen Vorbereitung. Das abschließende, festliche Alleluja aus „Nun danket alle Gott“ erschien da wie eine erhabene Bestätigung für diesen Eindruck. Und Bergmanns Empfehlung, diese ursprünglich für den Gottesdienst bestimmten Konzerten aus den „Symphoniae Sacrae“ wieder einmal für einen solchen einzusetzen, klang nach diesem Konzert fast wie eine Verlockung.