LINDAU – Mehr als hundert Zuhörer waren Zeuge eines Chorkonzertes, das in seiner Ausstrahlungskraft und stimmlichen Klasse weit über das Gewohnte hinausging. Das Programm nahm auf den kirchlichen Rahmen der Stiftskirche Rücksicht, ließ zwischendurch jedoch erkennen, daß die frohe Botschaft durchaus auch auf frohe Musik zählen kann.
Es macht schon Eindruck, wenn dieser junge australische „Chor des Ormond College“ seine roten Kutten überstülpt, um dann gemessenen Schrittes und mit einer ersten Probe seines stimmlichen Kalibers auf den Altar zuzumarschieren.
Dort erreicht er mit den zehn männlichen und vierzehn Frauenstimmen eine solche Transparenz, dass die musikalische Struktur, wie sie zunächst bei William Byrd und dem „Miserere“ von Gregorio Allegri verborgen ist, wie ausgebreitet vor einem liegt.
Gerade im letztgenannten Stück mit seinen gefürchteten Sopran-Passagen dominierte Klarheit, ohne je in die Nähe des Schrillen zu geraten; erstaunlich auch die warme Fülle des Basses und die angenehme Präsenz der Tenöre-dass es sich bei den Interpreten um vergleichsweise junge College-Studenten handelt, mochte man bei soviel Professionalität und musikalischer Kompetenz fast vergessen.
Die kam dann ganz besonders deutlich bei der Bach-Motette „Jesu meine Freude“ zum Tragen. Die kühne Anlage dieses Werkes mit all ihren lautmalerischen Elementen und der überaus leicht geführten Doppelfuge in der Mitte ist eine gesangliche und interpretatorische Herausforderung für jeden Chor – und nicht jeder meistert sie mit solcher Bravour wie die jungen Gäste aus Australien.
Mit drei afro-amerikanischen Spirituals schließlich hat der „Chor des Ormond Colleges“ seine Stilsicherheit auf diesem Gebiet gezeigt. Als geradezu herzergreifende Zugabe und Hommage an das deutsche Publikum gab er dann noch „In einem kühlen Grunde“ – erstmals verstrichen hier ein paar Sekunden, ehe der Beifall begann, und die besonders Begeisterten hatten wenigstens diesmal nicht unmittelbar in den letzten Ton hineingeklatscht.
Im Stile der Swingle-Singers ging schließlich ein mitreißendes Konzert zu Ende, das mit der Bearbeitung von Bachs g-moll Fuge (für Orgel!) noch einen echten Höhepunkt bereithielt und die freiwillige Spendenbereitschaft am Ende sicherlich nachdrücklich erhöht hat.