Klassik im ungewohnten Kontext

LINDAU – Der ganz große Ansturm war es nicht, den das zweite Klassik-Open-Air im Parkstrandbad des Hotel Bad Schachen verzeichnen konnte. Dabei passte das exquisite Programm des „Klavierduo d’Accord“ durchaus zum zauberhaften Flair der Freilichtbühne.

Gewiss hätte die vertraute Orchesterpracht des „Don Juan“ von Richard Strauss mehr gegen das Vogelgezwitscher ausgerichtet als die vierhändige Klavierversion. Doch so stellte sich genau der Reiz ein, um den der „Internationale Konzertverein“ bei seinen Veranstaltungen auf unterschiedliche Weise bemüht ist: Klassik im ungewohnten Kontext zu erleben. Wenn dann noch selten gehörte Werke wie beispielsweise Chopins Rondo op. 73 gespielt werden (sein einziges Werk für zwei Klaviere, und das im ungewohnten C-Dur), dann fügen sich Anspruch und Unterhaltungswert zu einer glücklichen Verbindung, zu dem die Natur ihren unüberhörbaren Part beisteuert.

Der 25-jährige Sebastian Euler und seine taiwanesische Partnerin Shao-Yin Huang haben aus dem Repertoire für Doppel-Klavier ein prächtiges Menue zusammengestellt und es mit künstlerischem Geschmack veredelt. Eulers auf den Punkt gebrachte Einführungen trugen das ihre dazu bei, die musikalischen Besonderheiten auch bewußt zu machen. So boten die Beethoven-Variationen von Camille Saint-Saens ein packendes Panorama über die damalige Variationskunst, der gegenüber das Duo seine ganze Spieltechnik aufbieten mußte. In noch größerem Maße betraf das dann die „Danses Andalouses“ von Manuel Infante und vor allem Milhauds „Scaramouche“: ein südamerikanisch angehauchtes Stück, bei dem sich Bossa Nova und Samba auf die rhythmische Zuverlässigkeit ihrer Interpreten verlassen müssen, ohne dabei plakativ zu werden – Voraussetzungen, die beim „Klavierduo d’Accord“ offenbar selbstverständlich sind.

Die Veranstalter sind für den Mut zu loben, ein Klassik-Open-Air mit soviel „unpopulären“, dabei höchst abwechslungsreichen und gut verdaulichen Klavierwerken anzubieten. Wirtschaftlich erfolgreicher sind aber wohl jene Serenaden und Nachtmusiken, für die schon unsere Klassiker dem Unterhaltungsbedürfnis ihrer Zeit mit geeigneten Kompositionen entgegen gekommen sind – und die damit als eigentliche Vorläufer des „Open-Air“-Gedankens gelten können.