Packende Dramatik: Starkes Plädoyer fürs Theater
Nur einen Tag nach der ganz und gar überflüssigen Darbietung des Tegernseer Volkstheaters hat das Kriminalstück „Vaterliebe“ eindrucksvoll gezeigt, was Theater auch sein kann.
Wie überbringt man diese schrecklichste aller Mitteilungen?
Das eigene Kind tot, obendrein durch Selbstmord? Und wie würde die betroffene Mutter reagieren, mit nichts zurückgelassen als einem quälenden Abschiedsbrief und einem grausigen Verdacht? „Ich bin auf niemanden böse. Auch auf Papa nicht mehr…“ Grenzfälle auch für darstellerische Glaubwürdigkeit – und ein erhabenes Beispiel für die Möglichkeiten spannenden und aktuellen Theaters.
Keine fünf Minuten waren vergangen, der freundliche Begrüßungsapplaus für Günter Lamprecht kaum verklungen, der Revolver von Claudia Amm noch auf ihn gerichtet – und bereits mit dieser Eröffnungsszene war man in den Bann des Kriminalstückes von Gert Heidenreich gezogen. Die Begegnungen des mitfühlenden, instinktsicheren Kriminalkommissars mit der stolzen, so kühl und schicksalsschwer daherkommenden Antiquitätenhändlerin glückten zu psychologisch fein gezeichneten Auseinandersetzungen.
Ohne plattes Brimborium oder aufgesetztes Pathos vollzog sich da schauspielerisches Tun, das nur der Glaubwürdigkeit ihrer Rolle verpflichtet war. Ohne geringste Einschränkung traf das auch auf Anna Stieblich zu, die als Tochter aus erster Ehe dem Stiefvater abgrundtiefe Verachtung entgegen schleudert. Ihr Spiel der unappetitlichen Alkoholikerin und des hysterischen Racheengels hatte großes Format und führte zu beklemmenden Szenen. Kein leichtes Spiel für H. D. Trayer, der als karriere-besessener Staatssekretär ein grandioser Versager als Vater ist.
Staatssekretär Klaus Kantor, dessen 14jährige Tochter sich nun vom sechsten Stock eines Hotels gestürzt hat, hatte diese mißbraucht, als sie gerade sieben Jahre alt war. Nun stellt man fest, daß sie bei ihrem Todessturz schwanger ist. Und es gelingt Klaus Kantor nicht, den Verdacht der Gattin und der zweiten Tochter loszuwerden, selbst der Vater gewesen zu sein. In unerbittlicher Grausamkeit wird er von den beiden vor die Wahl gestellt, sich entweder selbst umzubringen oder aber die Presse über die Geschichte seines Kindermissbrauchs zu informieren – was zumindest sein politisches Todesurteil bedeuten würde.
Das Schicksal nimmt seinen Lauf…
In packender Dramatik stellt „Vaterliebe“ die gesellschaftliche, aber auch die familiäre Dimension des zu trauriger Aktualität gewordenen Themas „Kindermissbrauch“ zur Diskussion. Mit den Mitteln des Theaters greift der Autor damit ein Thema auf, das in dieser Intensität kaum anders zu vermitteln sein dürfte und schon allein deshalb ein starkes Plädoyer fürs Theater darstellt. Ein beeindruckender Theaterabend.