Eisiger Wind in Chefetagen
„Sie sind entlassen, Herr Deer. Entlassen!“ Ungläubig (Ich!?) schluckt der Catering-Chef einer Fluggesellschaft die Botschaft und findet sich als Auslaufmodell in einer mit Aufbaurezepten therapierenden Agentur wieder. Dort soll er im Kreise gefeuerter Manager als freigestellte Ressource für einen weniger anspruchsvollen Führungsjob „recycelt“ werden. Top-Dogs auf Talfahrt zum Flop!
Wie der Entlassungsschock und Karriereknick mit grotesken Rollenspielen therapiert und der Seelenstrip der einstigen Macher auf zugleich komische wie tragische Weise bloßgestellt wird, ist ein packender Bühnenstoff. Auch den Besuchern im Stadttheater Lindau gefror mehrmals das Lachen auf den Lippen. Die heitere Szene beispielsweise, in der ausgemusterte Topmanager wieder den selbstsicheren Gang und positive Haltung üben, entlarvte bei allem Ulk zugleich das Demütigende in den von eisigem Wind gelüfteten Chefetagen.
Regisseur Volker Hesse gelang es in einer fulminanten Produktion des Euro-Studio Landgraf trefflich, das anno 1996 vom Neumarkt-Theater Zürich uraufgeführte und mehrfach preisgekrönte Stück „Top Dogs“ in einem Gefühlswirbel emotionaler Spannung zu einem zynisch ausgemalten Trauma werden zu lassen. Gesellschaftspolitisches Theater, das im Wechselbad von Unterhaltung und Beklommenheit den Nerv der Zeit trifft: Arbeitslosigkeit auf allen Ebenen.
Frappierend der Einstieg ins Thema. Kein Vorhang, das Licht im Theatersaal bleibt an, wortlose Gestalten wandern zwischen kargen Stellwänden, auf denen später überlebensgroße Video-Projektionen dem Mienenspiel der Darsteller eine visuell verdichtende Dimension verleihen.
Das Publikum ist irritiert: Geht’s schon los? Die Bühnenszenerie wird absurd:
In der einen Hand die Kaffeetasse, in der anderen süße Gipfeli – geschasste Bosse beim „Gipfeltreffen“! Die übliche Theaterpause gab’s an diesem Abend nicht. Warum auch? Entlassene Workaholics arbeiten durch, um ohne Verzug den Klimmzug nach oben zu schaffen. Ihnen, den „Top Dogs“, die bislang als Handlanger der globalen ökonomischen Revolution Hunderte von „Underdogs“ von der Gehaltsliste strichen, werden infolge ihrer eigenen Entlassung zu Psychopathen mit pathologischen Ängsten.
Bestechend die harten Schnitte, Tempi-Wechsel und überraschenden Gags: Da marschieren die joblosen Manager gar von der Bühne hinunter, führen mit den verdutzten Theaterbesuchern fiktive Gespräche, wollen Betroffenheit erzeugen. Die Video-Wände werden zum Klettergerüst eines Affenkäfigs, in dem sich der schon erwähnte Catering-Chef den Broterwerb als Tierpfleger vorstellt. Walzerklänge suggerieren die heile Welt. Die Bühnenbretter erzittern unter dem Gestampfe fernöstlicher Kampfrituale, um Mitbewerbern das Fürchten zu lehren.
Bezeichnend, dass während der Aufführung das Publikum gebannt verharrte und in feinfühliger Einschätzung die Dramaturgie eines hochbrisanten Themas nicht durch Szenenapplaus milderte. Dafür gab es zum Schluß tosenden Beifall für ein unter die Haut gehendes Bild unserer Tage.