Besetzung mit Ruth Drexel und Christine Ostermayer ein Glücksfall
Wie vielfältig die Mittel der Bühne sind, um sich beispielsweise einem Thema wie dem Nationalsozialismus zu nähern, zeigten die beiden letzten Aufführungen im Stadttheater. Glänzte „Mein Kampf“ noch durch ein schrilles Handlungsgeflecht, so setzte „Späte Gegend“ ausschließlich auf erzählerische Elemente.
Ruth Drexel und Christine Ostermayer konnten mit der ganzen Publikumssympathie rechnen: Kaum erstrahlte die Bühne vor blauem Hintergrund, schwoll ihnen freundlichster Beifall entgegen. Der dürfte auch der zauberhaften Atmosphäre gegolten haben, die durch sparsamste Requisiten – lediglich eine überdimensionale Bank zierte die Bühne – erzielt wurde.
Hier also saßen sie, die Bäuerin und die halbjüdische Städterin, begannen ihre lange, so unterschiedliche Geschichte zu erzählen, die schließlich für beide in der gleichen Erkenntnis münden würde: „Aber ich fühl mich übrig.“ In schlichter Sprache und ländlichem Dialekt breitet Ruth Drexel den Text von Lida Winiewicz aus; gerade durch ihre untheatralischen Gesten und einen gelegentlich ins Stocken geratenen Redefluss erzeugt sie ein Höchstmaß an Glaubwürdigkeit – Grundvoraussetzung für dieses vollkommen handlungsfreie Stück. Sie lässt Betroffenheit und Anteilnahme aus, wenn sie beispielsweise von der weit zurückliegenden Hofübergabe spricht;
„Übergeben heißt, dass zwei Menschen, die beinahe fünfzig Jahre lang Bauer und Bäuerin waren, von einem Tag auf den andern nichts mehr zu reden haben.“ Man kriegt, was man braucht, doch was fehlt- „da tät kein Vertrag was helfen“.
Für die Bühnenfassung von „Späte Gegend“ hat die Autorin dieser Bäuerin eine halbjüdische, vornehme Städterin gegenübergestellt. Christine Ostermayer verkörpert diese Figur mit Grandezza, ohne auch nur die geringste Spur von Überlegenheit gegenüber der Bäuerin aufkommen zu lassen.
Das Stück besteht aus zwei Texten, und zur Faszination seiner Wirkung gehört der Umstand, dass die beiden Banknachbarinnen praktisch kein einziges Mal in einen Dialog zueinander treten. Jede ist auf ihre Art vom Leben, vor allem aber den Auswirkungen des Krieges gezeichnet, und beider Schicksal macht betroffen.
Es ist ein Glücksfall für das Theater, wenn zwei große Spielerpersönlichkeiten wie Ruth Drexel und Christine Ostermayer zusammenkommen. Sie machen die Dimension solcher Einzelschicksale, ihre Traurigkeit und Ohnmacht fühlbar, ohne um Mitleid heischen zu wollen. Überdies haben sie einen Umgang mit der Geschichte vorgeführt, wie das in dieser Intensität und Unmittelbarkeit nur dem Theater gelingen kann.