Minna von Barnhelm (Gotthold Ephraim Lessing) (Theater Blauer Kater)

Hinreißende Aufführung eines Lessing-Klassikers

Nicht nur auf junge Zeitgenossen mag der verschrobene Ehrbegriff in „Minna von Barnhelm“ ziemlich abwegig wirken. Dass Lessings Lustspiel dennoch nicht ins Regal für wirkungslose Klassiker gehört, hat das „Theater Blauer Kater“ mit einer detailverliebten Inszenierung vorgeführt.

Was für ein Kraftakt: Nur wenige Monate nach den Aufführungen von „August August August“ präsentiert das Team um Elisabeth Gessau erneut ein Theaterstück, das alle Merkmale einer professionellen Bühne trägt. Wesentlichen Anteil daran hat der umfangreiche, hervorragend geschulte Spielerstamm, der ein immer größeres Spektrum lohnenswerter Stücke bewältigen kann. In „Minna von Barnhelm“ hat sich Elisabeth Gessau vernünftigerweise dafür entschieden, das von Ernst Bloch zitierte „Kostüm jener Zeit“ anzubehalten und das „Zeitaroma der Dichtung“ nicht zu verfälschen.

Die Bühnentechniker haben die Einschränkungen der Zeughausbühne geschickt überlistet und durch eine stets charmant bewegte Drehwand für schnellen Szenenwechsel zwischen Wirtshaus und Gastzimmer gesorgt. Das hat dem lockeren Fluss dieser Inszenierung gutgetan und den Blick auf das spannende Bühnengeschehen freigehalten. Dieses war wiederum einem derart homogenen Ensemble anvertraut, dass es schwerfällt, seine Mitglieder in angemessener Reihenfolge zu würdigen.

Erwin Rundel etwa: Als Just gibt er einen geistig schlichten Bediensteten, der seine rührende Anhänglichkeit fein zwischen Sturheit und Charakterstärke ansiedelt und immer dann zu ironisieren weiß, wenn sich Lessings Hochsprache allzu sehr den Grenzen von Justs Auffassungsvermögen nähert. Oder Manfred Keckeisen: Diesen Wirt scheint er zur persönlichen Paraderolle erkoren zu haben; sein Gesicht läuft heiß, um Schlitzohrigkeit und Neugierde in augenfällige Mimik umzusetzen. Und dann Ilona Kira: Welch zungenfertige Zofe steht Minna da zu Dienste – spielverliebt in jedem Augenblick, wach und schlagfertig, dabei mit einer großzügigen Palette abrufbereiter Spielelemente ausgestattet.

Ihr hübsches Dekolleté hält Wirt, Just und Paul, den „gewesenen Wachtmeister“ in Schwung; gerade bei letzterem, der von Michael Moosbrugger herrlich aufgebläht wird, führt es gar zu solch ungebremstem Balzverhalten, dass das spätere Zusammentun mit Franziska unvermeidlich wird.

Auch Heide Mündelein als Witwe weiß glaubwürdig zu berühren, und Michael Roth erntet gar Szenenapplaus, als er mit seinem französisierenden Auftritt zeigt, dass man im Angesicht des Ruins noch andere Methoden wählen kann als Major von Tellheim, um wieder zu Geld zu kommen.

Major Tellheim also: Axel Hartneck glaubt man dessen innere Erstarrung und Verhärtung, die sich bei ihm allerdings auch mit einer gewissen Zwanghaftigkeit zu paaren scheint. Spät schafft sich doch noch die nötige Empfindsamkeit Raum; seine Darstellung der Leidenschaft indes lässt Zweifel ob die spätere Verbindung mit Minna allzu lustig wird. Dafür allerdings könnte Sofie Schaaf mit ihrem Spieltemperament doch noch sorgen: Souverän bewegt diese sich in den unterschiedlichsten Situationen der Minna von Barnhelm, ist hinreißend verliebt, stolz und selbstbewusst, zärtlich und tugendhaft. Bruchlos bewältigt sie die Anforderungen an alle Stimmungen, auch die aufgesetzte Kälte am Schluss baut sie zum möglichen Charakterzug der Minna aus. Insbesondere im Zusammenspiel mit llona Kira brennen sich einige Momente ein, die gutes Theater so erlebnisreich machen können.

Elisabeth Gessau ist mit diesem Lustspiel eine fein inszenierte Aufführung gelungen, die sensibel angereichert ist mit kleinen Gags und theatralischen Augenblicken – und die zeigt, zu welch großartigen Ergebnissen engagierte Theaterarbeit führen kann.