Einblick in die Welt der Callas
Ob es „Meisterklasse“ gelungen ist, dem Phänomen Maria Callas näher zu kommen, wird jeder für sich beurteilen müssen. Jedenfalls war es eine Paraderolle für Doris Kunstmann, die oft so spielte, als wäre ihr manches der Diva auf den eigenen Leib geschrieben.
Für Terence McNally, den Autor von „Meisterklasse“, dürfte es faszinierend gewesen sein, die fünf Rollen seines Stückes lediglich mit einer Schauspielerin zu besetzen, während der Rest zwei Sopranen, einem Tenor und einem Pianisten überlassen blieb. Deren musikalische Leistungen waren beachtlich. Und es war keineswegs so, dass diesen die Bühne fremd gewesen wäre. Doch wer hier der Star war, stand nie in Frage, und auch Doris Kunstmann in der Rolle der Callas ließ diese Frage nie aufkommen. Vielleicht sollte so in diesem Stück die Diskrepanz bezeichnet werden, die einst zwischen einem Jahrhundertereignis wie der Callas und denjenigen bestand, die ihrer nur ein halbes Jahr währenden Meisterklasse teilhaftig wurden. „Verpassen Sie nie eine Gelegenheit, Theater zu spielen“, fordert die Diva ihre Schüler auf, und sie selbst wird das mit unglaublicher Konsequenz vormachen. Ihr Ringen um jeden Ton, jedes Wort, jeden Vokal vermittelt eine Ahnung davon, wie unerbittlich sie sich und andere zu Höchstleistungen trieb. Ihre Leidenschaft für die Bühne und das Theater, jene „heiligen Orte“, bleiben in der Darstellungvon Doris Kunstmann jederzeit nachvollziehbar und glaubwürdig. Ihr vehementes Eintreten für die eigene, außergewöhnliche Leistung erscheint dabei nie als Arroganz, sondern überhaupt als Voraussetzung, um auf der Bühne bestehen zu können. Da sind die Kolleginnen schon mal „Feindinnen“ – Rivalinnen kann es für sie ohnehin nicht geben -, und dem Publikum schleudert sie selbstbewusst entgegen: „Was wären Sie ohne uns!“ Wie gesagt: Da gab es unerhörte Einblicke in die Welt der Callas, mithin auch in diejenige großer Kunst. Und doch: Um einen spannenden Theaterabend daraus zu machen, gar einer bewegenden Künstlerstudie beizuwohnen, dafür scheint die Kombination der eingesetzten Elemente doch nicht ganz auszureichen. So blieb die Neugierde weitgehend darauf beschränkt, wie weit die drei Sänger wohl mit ihren Arien kämen und wie denn der Klang ihrer Stimme sei: die erwartete Unterbrechung durch die Callas war obligatorisch, und die Art ihrer Kommentare irgendwann auch vorhersehbar. Das kann viel Futter für Biographen sein, für einen rundum befriedigenden Theaterabend aber ist es wohl doch nicht so ergiebig – trotz einer überzeugend spielenden Doris Kunstmann.