Elektra (Sophokles) (2006)

Spannender Ausflug in die Welt der Antike

Da hat sich vor über 2400 Jahren ein Dichter Gedanken darüber gemacht, was wohl in jener berühmten Elektra vorgehen mochte, die einen Mord an Mutter und Stiefvater plant und zusammen mit Bruder Orest auch ausführt, und immer noch gelingt es der dichterischen Kraft dieser Sophokles-Tragödie, das Theaterpublikum in Bann zu ziehen.

Natürlich mußte erst der sprachliche Zeitsprung überwunden werden, denn auch die Übertragung von Wolfgang Schadewaldt liegt schon dreißig Jahre zurück. Doch inmitten diese Eingewöhnungsphase tritt bereits Elektra; Marina Matthias spielt die Rolle, und sie mutet ihr und sich allerhand zu. Mit manischem Stechschritt nähert sie sich, starr vor Haß und Rachsucht, und dass sich darüber auch verrückt werden ließe, zeigt sich in mehr als einer Geste. Ihr herbes Gebaren und der Hang zur Hysterie schwemmen allen Zorn nach oben, den der Mord an ihrem Vater angesammelt hat. Die Zeit, da sich ein Lächeln auf ihr beinahe verzerrtes Gesicht verirrt hat, muß weit zurückliegen. Die Elektra der Marina Matthias ist eindeutig; nichts weit und breit, was sie gar von ihrem Vorhaben abbringen könnte; zärtlich wird sie allein in dem Augenblick, als sie ihren bereits tot geglaubten Bruder in die Arme schließen darf.

An die Reduzierung des griechischen Chores auf eine Person konnte man sich schnell gewöhnen, die aufreizend plumpe Frauentracht – Walter Raffeiner repräsentierte schließlich die Frauen von Mykene – hingegen bedurfte da schon einer etwas großzügigeren Einstellung. Doch welch spielerische Klasse und stimmliche Pracht tat sich hinter dieser verschmitzten Figur auf! Da wurde mimisch und sprachlich kommentiert, was das Zeug hielt; sein Gefühlsanteil während der Todesschilderung von Bruder Orest war bewegend, seine Rührung bei der Wiedererkennungsszene zwischen diesem und Elektra beinahe ansteckend. Die Chortexte vertraute Regisseur Hansgünther Heyme allein der ausgebildeten Gesangsstimme Raffeiners an, der den hinreißenden Kompositionen von Giovanna Marini erst zu rechter Wirkung verhalf und die so zum unverwechselbaren Merkmal dieser Inszenierung wurden.

Chrysothemis Anpassung an die neuen Verhältnisse wurde von Gudrun Skupin mit all den schicksalsschwerem Vorlauf glaubwürdig umgesetzt, mit Daniel Bergler betrat ein Orest die Bühne, der vom Ernst und der Unausweichlichkeit seines Vorhabens durchdrungen schien. Schlitzohrig, mit bühnenwirksamer Ausstrahlung war ihm Peter Kaghanovitch ein überzeugender Erzieher.

Brigitte Horn gab der kaltherzigen Klytaimnestra zumindest gelegentliche mütterliche Züge, doch überwog ihre derbe Ruchlosigkeit. Trotz markanten und kurzen Auftritts blieb Sungar Weineck als Aigisthos ein wenig hinter der darstellerischen Unbedingtheit seiner Bühnenpartner zurück.

Viel Schlussapplaus

Gleichwohl steigerte sich die Tragödie von Sophokles Schritt für Schritt, und so wurde immer deutlicher, weshalb bestimmte Stücke den Zeitenlauf überstehen. Der anhaltende Schlussapplaus spiegelte die Stimmung der vielen Zuschauer wieder: die Neugierde auf einen spannenden Ausflug in die Antike war belohnt worden.