Die Nervensäge (Francis Veber)

Kluger Geist waltet in einer spritzigen Komödie

Die Befürchtung, die schon der Titel „Die Nervensäge“ nahelegte, war schnell zerstreut: Mit einem hohen Maß an schauspielerischem Einsatz zeigten vor allem Thomas Fritsch und Dirk Galuba, wo der Unterschied zwischen einem albernen Lustspiel und einer ordentlichen Komödie liegt. Nicht in platter Übertreibung manch haarsträubender Situation lag der Reiz dieses Stückes, sondern in der souverän vorgeführten Gegensätzlichkeit zweier Charaktere, die den eiskalt berechnenden Killer Ralph zu einer zeitweiligen Zimmergemeinschaft mit dem frisch verlassenen Francois zwingt.

Gerade Thomas Fritsch stattete diese Rolle des Sensibelchens mit einem erstaunlichen Reichtum schauspielerischer Mittel aus, die den harmlosen und langweiligen Charakter des überzeugten Hemdenvertreters und angehenden Singles offenbarten. Gut denkbar, daß der Verkauf eines satten Postens edler Hemden sein Blut weit mehr in Wallung versetzt als seine attraktive Gattin Nathalie; ihre Existenz scheint eher sein Bedürfnis nach Zweisamkeit zu erfüllen als seine männliche Phantasie zu beflügeln. Michaela Klarwein läßt jedoch keinen Zweifel daran, was hiervon zu halten ist, und zieht ihre Konsequenzen: Kandidat Nummer zwei ist ihr bisheriger Therapeut Wolf (Rick Parsé), der seinerseits über Qualitäten nicht zu verfügen scheint, die nunmehr Nathalies Reitlehrer unter Beweis stellen darf.

Besonders amüsant gebärdet sich Achim Sauter, Nervensäge und Hausdiener des Hotels. Er verleiht der Handlung auch in den wenigen Augenblicken seine komödiantischen Impulse, wo kurzfristig die Puste auszugehen droht (Mitte des zweiten Teiles) und sie beinahe in Versuchung gerät, diese Durststrecke mit den Hauruck-Methoden harmloser Lustspiele zu überwinden. Seine pflichtbewußte Umtriebigkeit paarte sich köstlich mit der allfälligen Bereitschaft, sich bestechen zu lassen. So waltete in Francis Vebers Stück über weite Strecken der kluge Geist einer spritzigen Komödie, der das Glück zukam, von engagierten und guten Schauspielern vorgetragen zu werden.

So machte man darüber fast vergessen, daß es sich um das Finale der Spielzeit 96/97 handelte. Zwar wird sich der Vorhang in den nächsten Wochen noch einige Male für Musik und das Tagungsgeschäft heben. Aber Freunde des Theaters müssen sich bis Oktober gedulden. Wiederum bleibt abzuwarten, ob die unterschiedlichen Theatererlebnisse dieser Saison intensiv genug waren, um auch weiterhin mit der Treue und dem Interesse des Publikums rechnen zu dürfen.

1997