Der Zerbrochene Krug (Heinrich von Kleist)

Überzeugend agiert

Wenn ein Lustspiel-Klassiker wie „Der Zerbrochene Krug“ immer noch mühelos das Stadttheater zu füllen vermag, muss einem um dessen Berechtigung wahrlich nicht bange werden. Die derb-pralle Regie von Pia Hänggi ging ungebremst über den beiden Hauptakteuren auf.

Es muß ein ziemlich kleines Dorf gewesen sein, in dem jemand wie Adam zum Dorfrichter avancieren konnte. Vielleicht lag es ja an seiner kräftigen, mitunter bedrohlich lauten Stimme, wie Volker Brandt sie ihm in dieser Inszenierung verliehen hat, oder auch an seiner ausgeprägten Gabe, sich in Sekundenschnelle auf eine neue Situation einzustellen. Dafür bietet ja „Der Zerbrochene Krug“ mehr Gelegenheit als jedes andere Lustspiel.

Volker Brandt zieht alle Register, um von der zentralen Frage abzulenken, wie es denn zum Zerbrechen jenes Kruges kam; gerade noch bleibt die Versform erkennbar, wenn er mit überzeugend gespieltem Kater auf die Ankündigung reagiert, sehr bald mit dem Gerichtsrevisor Walter konfrontiert zu werden, den Reinhard von Hacht in amüsantem Kontrast zum derben Dorfrichter verkörpert. Adams Darstellung bietet in der gesehenen Inszenierung kaum Hinweise darauf, dass diese Rolle auch tragische Züge aufweist – man scheint entschlossen, möglichst dick aufzutragen, auf vordergründige Wirkung zu setzen und alle Aufmerksamkeit auf diese berühmte Bühnenrolle zu legen, in der es sich so herrlich austoben läßt. Kein phantasiebegabter Schauspieler läßt sich das zweimal sagen, und auch Volker Brandt tut das nicht. Ähnlich angelegt ist auch Schreiber Licht, den Raimund Gensel ausgiebig in einen trottelig-treulosen Adjutanten verwandelt.

Großzügig verpasst er den Augenblick, wo er den Dorfrichter als wahren Täter erkennt und verzichtet damit auch auf alle Möglichkeiten, sein Spiel von diesem Augenblick an etwas mehr zu differenzieren. Da bewegen sich die anderen Figuren in wesentlich sichererem Abstand zu jener Grenze, wo Lustspiel und Bauernschwank sich anzunähern beginnen. Vor allem Christiane Simon als Tochter Eve macht deutlich dass sie erpresst wurde und der Preis ihrer Beinahe-Vergewaltigung für den braven Ruprecht (sympathisch-glaubhaft: Sebastian Sash) viel zu hoch war.

Ebenso überzeugend agieren Max Teschke als gutmütiger Veit Tümpel und Barbara Schmidt als Marthe Rull, die die Unversehrtheit ihres Kruges leidenschaftlich zurückfordert. Die Antwort auf die Frage, ob „Der Zerbrochene Krug“ von Kleist eher zum Lustspiel als zur Tragödie neigt, wurde hinter der prallen Spiellaune Volker Brandts und Raimund Gensels weitgehend verdeckt. Ob sich eine moderne Inszenierung dieses Klassikers allerdings ganz darum drücken darf, sollte zumindest einer Erwähnung wert sein.