Mit schlüssiger Aufführung Erwartungen erfüllt
Besonders groß war das Interesse nach „Becket oder Die Ehre Gottes“ nicht. Anouilhs Kunststück, Geschichte bühnentauglich und unterhaltsam zu machen, ist aber in der Inszenierung von Günther Fleckenstein bestens aufgegangen und hätte durchaus größeren Zuspruch verdient.
Gewiss wurden gelegentlich Fahnen geschwungen und aufgetakelte Pferdeattrappen bemüht: Schließlich müssen Männerspielzeuge, mit denen man Kriege so hübsch dekorieren kann, hin und wieder vorgeführt werden. Letztlich aber erwiesen sich diese Bühnennummern als wohldosierte, augenzwinkernde Zutaten für eine stimmige Regiearbeit, die Anouilhs Schauspiel den schlanken und bekömmlichen Charakter beließ; ohne je die verhängnisvolle Beziehung zwischen König Heinrich Il und seinem geliebten, einflußreichen Freund Thomas Becket aus dem Auge zu verlieren.
Susanne Kloiber, verantwortlich für die opulenten Kostüme, hat diesem König einen appetitlichen, roten Lederanzug verpasst. Aus dem heraus regiert er nun je nach Laune, ‚mal bauernschlau, ‚mal cholerisch, bisweilen unberechenbar. Nur im Dialog mit seinem schillernden Berater Thomas Becket merkt man Alfons Haider, der diesen König spielt, an, wie groß er von ihm denkt und wie sehr er diesen liebt.
Da dürfen auch eingestreute homosexuelle Neigungen herhalten, um dieses Gefühl zu unterstreichen. Haiders vordergründiges, manchmal sogar hölzernes Spiel bringt trefflich zum Ausdruck, dass Heinrich trotz seiner machtvollen Position oftmals jenes klugen Verstandes entbehren muß, der sich in Thomas Becket so strahlend präsentiert.
Jan Bodinus gibt diesen Becket hintergründig, unspektakulär und mit wachem Geist. Den Wechsel auf die Position des Erzbischofs von Canterbury vollzieht er elegant und ohne plakativen Bombast. Der Eindruck hält: auch wenn sonst „kein Mann soviel wert sein kann wie ein Pferd“ – der Sachse Becket ist die Ausnahme, selbst in Zeiten, wo der Begriff „Sachse“ noch als Steigerungsform des Wortes „Gesinnungslump“ gehandelt wurde.
Kerstin Heiles gibt eine gefühlvolle Gwendoline, die hingebungsvoll die Rundungen der Laute mit denen ihres Dekolletés in Einklang bringt; als Französisches Mädchen wird sie später ganz auf Musik und Mieder verzichten, was das ungestüme Verlangen von König Heinrich auch nahelegt.
Daß Anouilh nicht besonders viel vom Personal des Vatikans zu halten scheint, bringen Hans-Peter Kurr (Papst) und Albert Tisal in ihrer köstlichen Szene zum Ausdruck. Im Zusammenspiel mit der Beleuchtung sorgen die satten Farben, die den Gewändern der Geistlichkeit zu eigen sind und diejenigen des Militärs für eindrucksvolle Bühnenmomente – man denke nur an die Illusion der Kathedrale mit ihrem mächtigen Orgelklang.
Den großen Konflikt aber, der zwischen den einstmals befreundeten Staatenlenkern und dem dann ins geistliche Lager überwechselnden Becket entsteht, halten die beiden Protagonisten Jan Bodinus und Alfons Haider bis zur Ermordung Beckets präsent, und das verleiht dieser Aufführung auch ihr Prädikat.
Über die leicht überzogene Anlage des Heinrich, vielleicht auch über die immerwährende Beherrschtheit des Becket mag man unterschiedlicher Meinung sein; dass beides konsequent durchgespielt wurde, hat aber zur Geschlossenheit dieser Inszenierung beigetragen. Der reiche Beifall, der sich am Ende über die achtzehn Mitwirkenden ergoß, galt somit einer schlüssigen Aufführung, die auch die Erwartungen der zahlreichen Schüler und Schülerinnen erfüllt haben dürfte