Liebestod in Venedig

Ob die Tagebücher, der Briefwechsel prominenter Vorfahren in jedem Falle im Bewußtsein einer späteren Veröffentlichung verfaßt wurden? Angesichts der auffälligen Häufung von Veranstaltungen, die eine kunstvolle Darstellung einst wohl persönlich gedachter Gedanken zum Inhalt haben, mag wohl auch die vergleichsweise einfache Vorbereitung solch szenischer Lesungen eine Rolle spielen; hinzu kommt der Reiz für den Zuschauer, durch authentisches Material Einblick in die Persönlichkeit solcher Menschen zu bekommen, deren wirkliches Wesen durch allzu große Verklärung verstellt zu werden droht.

Immerhin zweimal seit Oktober durften wir also Zeuge solcher „Briefe“-Abende werden; „von Liebe noch nicht der Beweis“ lenkte den Blick auf Fragwürdigkeiten Carl Sternheims, und „Lolitta & Ludwig“ führte uns die Verführbarkeit von Politikern, diesmal auf erotischem Gebiet, vor.

Mit den Tagebuchaufzeichnungen von Richard Wagners zweiter Frau Cosima, die im Palazzo Vendramin in Venedig entstanden, fand diese kleine „Reihe“ nun ihre beeindruckende Fortsetzung. Ursula Lingen und Gert Westphal rezitierten, und daß das weit mehr als gekonntes Vorlesen war, machte sicherlich den Hauptreiz des Abends aus. Über Gert Westphal, den „Vorleser der Nation“ noch neue Worte der Bewunderung zu formulieren, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Wie er mit vergleichsweise wenigen Einwürfen den durchaus umstrittenenen Charakter Wagners zu zeichnen vermochte, war geprägt vom Bewußtsein, es kaum überzeugender dargestellt bekommen zu können: Wagners späte menschliche Selbsteinschätzung („keine Noblesse, keine Anständigkeit“), sein Altershumor („Tee ist nervös gemachtes Nichts“), der Glaube an sein Werk, durchsetzt mit Dialekt-Sätzen, die an seine Leipziger Herkunft erinnerten – all das war bei Westphal, der zeitweilig mit der Unterdrückung eines Hustanfalls zu kämpfen hatte, in sorgsamen Händen.

Ursula Lingen gestaltete die grandios Liebende mit wacher Anteilnahme an Wagners letztem halben Jahr; sie gab der fast penetranten Aufzeichnung der täglichen Befindlichkeit Wagners die dahinter stehende Sorge und Selbstverständlichkeit zurück. Ein wenig beeinträchtigt wurde die Optik ihres würdevollen Spiels durch den Umstand, daß sie nahezu ab der Hälfte der Spielzeit nur noch auf dem Rand ihres Stuhles saß, der – vorgelehnt – nur noch auf zwei Beinen stand: wohl kaum eine Vorgabe der Regie.

Die Tagebücher Cosima Wagners, der Tochter von Franz Liszt und vor Richard Wagner die Ehefrau Hans von Bülows, beleuchteten die Beziehung zweier ungewöhnlicher Menschen, die durchdrungen waren von der Überzeugung, zueinander zu gehören. Diese Texte waren unter diesen Vorgaben sicherlich nicht geeignet, besonderen Aufschluß über einen Künstler zu geben, dessen Leben von einer Vielzahl oft selbst verschuldeter Widrigkeiten und Enttäuschungen geprägt war, die ihm glücklicherweise zwar noch Zeit zum Komponieren, kaum aber für die Pflege einer auch ihm unverdient erscheinenden Beziehung ließen.